Politik : „Es geht nicht um Rache“

Die EU will bei einem neuen Gipfel einen Kommissionschef finden – noch ist kein Kandidat in Sicht

Mariele Schulze Berndt

Brüssel - Vielleicht hat es ja die Einigung über die Verfassung befördert, dass die Staats- und Regierungschefs all ihre zerstörerischen Energien am Vorabend in der Debatte über den Kommissionspräsidenten loswerden konnten. Dort war es offenbar so laut geworden, dass der irische Ratspräsident Bertie Ahern betonte: „Es geht nicht darum, sich an jemandem zu rächen, nicht um Bitterkeit oder eine nachtragende Haltung.“ Wichtig sei nur, eine Mehrheit für einen Kandidaten zu finden.

In den Beichtstuhlgesprächen über den Prodi-Nachfolger waren ihm acht bis zehn Namen genannt worden. Der von den Konservativen vorgeschlagene EU-Außenkommisar Chris Patten und der von Berlin und Paris favorisierte belgische Premier Guy Verhofstadt fanden keine Mehrheit. Während der abwesende Patten dies in Würde ertragen konnte, ging Verhofstadt beschädigt aus der gescheiterten Kandidatenkür hervor. „Er sitzt wie ein Häufchen Elend da und guckt nicht einmal Fußball“, hieß es am Rande des Gipfels.

Ahern muss sich nun auf die Suche nach einem neuen Kandidaten machen. Der Ratspräsident will noch im Juni einen neuen Gipfel einberufen. Ob das klappt, ist unklar. Im Gespräch sind viele Kandidaten, mehrheitsfähig ist bisher keiner. Der Favorit Jean Claude-Juncker hat mehrfach versichert, er stehe nicht zur Verfügung. Ob er sich doch noch bereit finden könnte, ist offen. Auch der dänische Premier Anders Fogh Rasmussen wird genannt, doch von ihm heißt es, er könne seine Koalition nicht im Stich lassen. Ernsthaft interessiert, wenngleich nicht mehrheitsfähig, ist offenbar der österreichische Kanzler Wolfgang Schüssel. Genannt werden außerdem der konservative portugiesische Regierungschef José Manuel Barroso, der während des Irakkriegs einen Gipfel zwischen US-Präsident Bush und den kriegsteilnehmenden europäischen Ländern organisierte. Auch der französische Außenminister Michel Barnier, bisher EU-Kommissar für Regionalpolitik, ist im Gespräch. Doch er ließ mitteilen, er stehe nicht zur Verfügung. Jeder der seinen Hut in den Ring wirft, muss damit rechnen, verheizt zu werden. Insofern wird Ahern die Frage auf dem Wege der Geheimdiplomatie lösen müssen. Und schließlich gilt auch Ahern selbst, den die Iren ihren Taoiseach, ihren Häuptling, nennen, als möglicher Kandidat. Er hat zwar bereits abgelehnt, doch möglicherweise hat er sich in den vergangenen Tagen und Monaten die Sporen verdient, um „Taoiseach“ der EU zu werden.

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