Politik : „Es gibt nur eine Front“

Die US-Armee spielt die Eskalation im Irak herunter – doch Sunniten und Schiiten verstärken ihren Widerstand

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DER IRAKKONFLIKT UND DIE FOLGEN

Bagdad (AFP/AP/rtr/dpa/clw). Die alliierten Besatzungstruppen im Irak kämpfen derzeit gegen schiitische Aufständische nördlich von Bagdad und im Süden Iraks sowie gegen sunnitische Rebellen westlich der Hauptstadt kämpfen. Dennoch hat US-Armeesprecher Mark Kimmitt am Mittwoch die Einschätzung zurückgewiesen, die Besatzer kämpften an zwei Fronten gleichzeitig: „Ich glaube, das ist eine falsche Darstellung“, sagte der Vizechef des Militäreinsatzes der Besatzungstruppen. „Es gibt nur eine Front, und das ist der Irak.“ Bislang hatte sich der Widerstand auf sunnitische Gebiete konzentriert, wo Freischärler täglich US-Soldaten angreifen. Der Aufstand der Schiiten erstreckt sich vom britisch kontrollierten Basra im Süden über das unter spanischer und italienischer Kontrolle stehende Kernland der Schiiten bis nach Bagdad hinein.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld schloss angesichts der schweren Kämpfe eine Verstärkung der US-Truppen im Irak nicht aus. In einer Konferenzschaltung mit dem auf seiner Ranch in Crawford weilenden Präsidenten George Bush sagte Rumsfeld, die Entscheidung darüber liege bei der Militärführung vor Ort. Sollten sie mehr Soldaten anfordern, würden sie sie bekommen. Die US-Regierung bekräftigte erneut ihre Absicht, zum 1. Juli die Souveränität an die Iraker zurückzugeben.

Der radikale irakische Schiiten-Führer Moktada al Sadr forderte die Kuwaiter am Mittwoch auf, die in ihrem Land stationierten ausländischen Streitkräfte auszuweisen. „Ich rufe unseren Nachbarn Kuwait auf, die amerikanischen und anderen Stützpunkte zu entfernen, damit dieser Staat Hand in Hand mit uns stehen kann, um den Albtraum und großen Satan aus dem Irak zu entfernen“, hieß es in einem Aufruf al Sadrs, den der arabische Nachrichtensender Al Dschasira verbreitete. Da Iraks Präsident Saddam Hussein gestürzt worden sei, gebe es keinen Grund mehr für die Präsenz der US-Truppen in Kuwait. Dort sind zurzeit etwa 25 000 US-Soldaten stationiert.

Der langjährige amerikanische Nahostberater Dennis Ross wies in der American Academy in Berlin darauf hin, dass man mit dem Aufstand der Sunniten auf lange Sicht fertig werden könne. Wenn aber auch die Schiiten sich am Aufstand beteiligten, sei das das Ende. Die USA müssten den Aufstand der Milizen des Schiitenführers al Sadr schnell unter Kontrolle bringen. Denn „je mehr Schiiten getötet werden, desto weniger werden die moderateren Schiiten bereit sein abzuwarten.“ Die US-Regierung habe vor dem Krieg im Irak die Sicherheitsprobleme unterschätzt und nicht damit gerechnet, zu einem Symbol der Besetzung zu werden. Auch Militärexperten in den USA vermuten, dass al Sadr innerhalb der Schiiten eine Debatte auslösen will, durch die bislang gemäßigtere Kräfte wie der Ajatollah Ali al Sistani ihren Widerstand gegen die Besetzung verstärken könnten. Sadrs Berater Muntadhir al Mussawi starb indes am Mittwoch offenbar nach Gefechten mit polnischen Soldaten. „Schon jetzt hat das Bild eines jungen Mannes, eines Geistlichen, der im Namen der Gerechtigkeit gegen eine gewaltige Militärmaschine ankämpft, eine Menge schiitischer Symbolkraft“, sagte Vali Nasr von der Naval Postgraduate School. „Es erinnert mich an die Revolution in Iran.“

Dort hatten 1979 Schiiten unter der Führung von Ajatollah Chomeini den Schah gestürzt und eine streng islamische Republik gegründet. Die Folgen eines breiten Schiiten-Aufstandes könnten nach Einschätzung von W. Andrew Terrill vom Army War College verheerend sein. „Die Fähigkeit der USA für eine Machtübergabe würde in große Gefahr geraten.“ Die USA könnten die Kontrolle über den Irak verlieren.

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