Politik : „Es hat keinen Schießbefehl gegeben“

Marc Hasse

Berlin - Wahrheit ist ein großes Wort. Vor allem dann, wenn es verbunden wird mit dem Schicksal von mindestens 1065 DDR-Bürgern, die nach neuesten Recherchen der Arbeitsgemeinschaft 13. August auf der Flucht durch das Grenzregime zu Tode kamen. Klaus-Dieter Baumgarten, einstiger Chef der DDR-Grenztruppen, und Peter Freitag, ehemaliger Oberst, stellten am Donnerstag in Berlin mit dem Buch „Die Grenzen der DDR“ ihre eigene Wahrheit vor. Als Herausgeber gehe es ihnen um eine „Richtigstellung der Geschichte“. Bisher hingen über dieser „dichte Rauchschwaden der Verketzerung und Verfälschung“, so Baumgarten. Im Buch werde erstmals „wahrheitsgetreu und zusammenhängend“ der „verantwortungsvolle Dienst der Grenztruppen realistisch dargestellt“. In dem Werk, das zum 43. Jahrestag des Mauerbaus veröffentlicht wird, zeichnen 13 Autoren den Weg von den Anfängen bis zur Auflösung der Grenztruppen 1990 aus Sicht der DDR-Militärs nach. Dabei werde „keiner Frage ausgewichen“.

In seiner Dienstzeit als Leiter der Grenztruppen von 1979 bis 1989 seien nur 17 Menschen auf der Flucht getötet worden. „Das war nicht gewollt, sondern besonderen Umständen geschuldet“, sagte Baumgarten, der wegen der Mauertoten zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt und später begnadigt wurde. Den Angehörigen der Opfer gelte sein „aufrichtiges und tiefes Mitgefühl“. Die Schusswaffe sei nur als „letztes Mittel“ und bei klarer Warnung angewendet worden. „Es hat keinen Schießbefehl gegeben“, sagte Baumgarten. Nur 2905 Menschen seien in dieser Zeit bei Fluchtversuchen festgenommen worden. Er werte dies als Beweis dafür, dass die Grenze den „äußeren Gegnern“ galt, nicht aber den eigenen Bürgern. „Die Grenze diente dem Erhalt des Friedens in Europa.“

Baumgarten und Freitag betonten, das Buch sei aus Sicht des Rechtssystems der DDR geschrieben. Eine Bewertung aus heutiger Sicht wollten sie den Lesern überlassen. „Ein sachlicher Meinungsstreit ist von uns gewollt.“

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