• "Es könnte sein, dass Kohl ein infantiles Gewissen hat" - Psychologie-Professorin Eva Jaeggi über die neue Spendenaktion

Politik : "Es könnte sein, dass Kohl ein infantiles Gewissen hat" - Psychologie-Professorin Eva Jaeggi über die neue Spendenaktion

Helmut Kohl sammelt wieder Spenden[um den durch i]

Eva Jaeggi war 22 Jahre lang Professorin für klinische Psychologie an der Technischen Universität Berlin und wurde kürzlich emeritiert.

Helmut Kohl sammelt wieder Spenden, um den durch ihn entstandenen Schaden zu beheben. Wie erklären Sie sich das Verhalten?

Ich kenne Herrn Kohl nicht persönlich und kann daher über seine Person kein Urteil abgeben. Ich kann als Psychologin nur sagen, welche Erklärungen es für sein Verhalten geben könnte. Die eine Möglichkeit ist, dass Kohl ein infantiles Gewissen hat. Kinder haben Moralvorstellungen nicht verinnerlicht, sondern sie entwickeln erst ein schlechtes Gewissen, wenn Rügen von außen kommen. Erst wenn jemand ihnen auf die Hände schlägt und sagt, so geht das nicht. Dann beteuern sie, dass sie es nie wieder tun wollen und verschenken notfalls zur Wiedergutmachung auch ihre Puppe.

In diesem Falle wäre Kohl nicht der Übervater, sondern das Kind.

Ich glaube, dass er die Partei lieb hat, wie ein Kind die Eltern liebhat.

Was wäre die andere Variante?

Die andere Möglichkeit wäre, dass Kohl durchaus erwachsen ist und sein Gewissen keineswegs so konstruiert ist, dass es nur von außen her funktioniert. Er könnte Moralvorstellungen haben, die sich nicht unbedingt mit den unsrigen decken. In diesem Fall hat er sich die Gesetze in narzistischer Unnahbarkeit selbst gemacht und daher auch kein schlechtes Gewissen. Allerdings hat er gemerkt, dass sein Verhalten nicht gut ankommt und eiskalt-strategisch plant er jetzt, die Menschen wieder auf seine Seite zu ziehen. Mit Unrechtsbewußtsein hat das nichts zu tun. Es gibt natürlich auch noch die dritte Variante, dass er genau weiß, dass er falsch gehandelt hat und dies durchaus mit schlechtem Gewissen tat. Dann würde die jetzige Spendenaktion auch den Zweck haben, sein Gewissen zu reinigen. Diese Variante käme der katholischen Beichte nahe. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es sich bei Kohl nicht um diese Variante handelt.

Wie könnte die CDU reagieren?

Ich könnte mir vorstellen, dass sich sehr viel Wut gegen ihn in der Partei angesammelt hat. Die hat zur Entmachtung des großen Übervaters geführt und jetzt sagt man sich: Wir haben ihn ermordet, jetzt kann er machen was er will, das berührt uns nicht mehr. Allerdings hängt die Reaktion sehr davon ab, wie nahe man Kohl gestanden hat: Ob man ein Adoptiv- oder ein Stiefkind war.

Adoptivkinder standen ihm am nächsten. Wie reagieren diese?

Adoptivkinder sind unversöhnlicher als Stiefkinder, weil sie tiefer gekränkt worden sind. Wenn man das Gefühl hatte, man war der Lieblingssohn, wurde protegiert und musste dankbar sein, dann ist die Kränkung tiefer, aber auch der Schnitt fällt krasser aus. Während die, die ihm ferner gestanden haben, sich bestätigt fühlen in ihrer Einschätzung, aber auch nicht so böse auf ihn sind. Ihnen fällt es leichter, achselzuckend eine Wiedergutmachung zur Kenntnis nehmen.Das Gespräch führte Andrea Nüsse

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