Politik : Es muss nicht immer der Hausarzt sein

Berufsverband nutzt den Medizinermangel – und fordert die Aufwertung qualifizierter Pflegekräfte

Rainer Woratschka

Berlin - Ohne Arzt läuft nichts im deutschen Gesundheitssystem. Doch warum darf eine hochqualifizierte Pflegekraft chronische Wunden nicht eigenständig weiterversorgen, wenn der Patient aus der Klinik entlassen ist? Warum müssen sich alte Menschen wegen Schmerz- oder Sturzprophylaxe zum Hausarzt begeben, wenn sich Pflegeexperten damit viel besser auskennen? Warum dürfen Fachkrankenschwestern, die aufwändige Weiterbildungen durchlaufen haben, nicht auch Verbandsstoffe, Roll- oder Toilettenstühle verordnen?

Dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) solche Fragen nicht mehr vom Tisch wischt, dürfte auch mit dem drohenden Ärztemangel in der ost- und westdeutschen Provinz zu tun haben. Mit dem Deutschen Pflegerat (DPR) feilt sie nun an Vertragsentwürfen, die zur Zulassung so genannter Pflegepraxen führen könnten. Einer liegt bereits bei den Krankenkassen. „Wir harren voller Spannung auf die Reaktion“, sagt KBV-Sprecher Roland Stahl. Er spricht von „strategischen Allianzen“, mit denen man Versorgungslücken zu schließen versuche.

„Bei uns hat sich so viel Professionalität etabliert, dass wir zu anderen Zuständigkeitsverteilungen kommen müssen“, sagt DPR-Präsidentin Marie-Luise Müller – und nennt gleich drei Vorteile: ortsnahe Versorgung, qualifizierte Behandlung, Kostenersparnis. „Fachkrankenschwestern haben einen anderen Stundenlohn als approbierte Mediziner.“ Nächste Woche will sie den Koalitionspartnern diese Ideen schriftlich unterbreiten. Konkret fordert sie eine Öffnungsklausel im Sozialgesetzbuch V, das die vertragsärztliche Versorgung regelt. Dies würde die Möglichkeit zu Modellversuchen eröffnen, sagt Müller – in unterversorgten Gebieten Ostdeutschlands etwa oder in Gegenden mit hohem Anteil chronisch Kranker. Hausärzte könnten mit Pflegepraxen kooperieren, „per Telematik kann man sich wunderbar vernetzen“. Mediziner könnten dort Sprechstunden anbieten. Die Pflegespezialisten wiederum könnten ihnen Hausbesuche abnehmen und durch den regelmäßigen Blick auf Wundversorgung oder Sondenernährung manchen Heimaufenthalt vermeiden helfen.

In Dänemark, Australien und Großbritannien funktioniert solche Arbeitsteilung bereits, sagt Müller. Dort übernähmen Pflegepraxen Aufgaben, die hierzulande noch bei Ärzten lägen. Auch in der Nachsorge gebe es Betätigungsfelder. Wegen der Fallpauschalen würden Klinikpatienten ja nun viel früher entlassen. Berührungsängste ließen sich durch gemeinsame Weiterbildung abbauen. „Wir müssen gegenseitig anerkennen, dass Ärzte und Pflegekräfte einen anderen Zugang zu Krankheit, Kranksein und Betreuung haben“, sagt Müller. Und mitunter, so lässt sie durchblicken, ist der Zugang qualifizierter Pflegekräfte nicht der schlechtere.

0 Kommentare

Neuester Kommentar