Politik : „Es schmerzt mich, dass ich nicht mehr tun konnte“

Die Polin Irena Sendler, die 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettete, ist im Alter von 98 Jahren gestorben

Über ein halbes Jahrhundert musste sie in ihrer Heimat auf die Anerkennung warten, die sie verdiente. Erst vor fünf Jahren wurde ihr der polnische Orden des Weißen Adlers verliehen. 2007 ernannte sie das Parlament zur nationalen Heldin. Am Montag ist Irena Sendler, die während des Zweiten Weltkrieges 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto gerettet hat, im Alter von 98 Jahren gestorben. Natürlich sei sie glücklich darüber, so viele Leben bewahrt zu haben, sagte Irena Sendler einmal, doch gleichzeitig plagten diese außergewöhnliche Frau tiefe Zweifel. „Mein Gewissen schmerzt mich noch immer, dass ich nicht mehr tun konnte“, schrieb sie einst.

Die Studentin und Sozialistin arbeitete nach 1939 in der Wohlfahrtsabteilung von Warschau. Dort organisierte sie als Krankenschwester Verpflegung für verarmte Juden, deren Eigentum von den Nazis beschlagnahmt worden war. Schon damals begann sie unter großen Gefahren, jüdische Familien unter polnischen Namen zu registrieren, um sie vor dem Zugriff zu schützen. Rund 400 000 der 3,5 Millionen polnischen Juden lebten in der Hauptstadt, ab Herbst 1940 eingeschlossen in einem vier Quadratkilometer großen Ghetto. Fast alle von ihnen starben in den folgenden Jahren.

Irena Sendler war eine der wenigen, die von den deutschen Besatzern Zugang zum Ghetto bekamen. Ende 1942 schloss sie sich der Untergrundorganisation „Zegota“ an. Sie wollte so viele Kinder wie möglich aus dem Ghetto schleusen. Sie wurden in Koffern herausgeschmuggelt, auf Lastwagen mit Abfällen, mit Hilfe der Feuerwehr oder unter den Mänteln der Krankenschwestern. Manchmal wurden die Kleinen mit hohen Dosen Schlafmittel betäubt und als „tot“ aus dem Ghetto transportiert. Meist war es nicht einfach, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder in fremde Hände zu geben. Sendler konnte nur versprechen, dass die Kinder in polnischen Gastfamilien, Waisenhäusern und Klöstern untergebracht würden. Im Oktober 1943 wurde Sendler verraten und von der Gestapo abgeholt. Tagelang wurde sie gefoltert, die Beine und Füße wurden ihr gebrochen, doch sie gab keine Namen preis. Es folgte das Todesurteil. Doch der „Zegota“ gelang es, die deutschen Wachen zu bestechen, die Retterin wurde zur Geretteten. Nach dem Krieg engagierte sie sich weiter für den Aufbau von Waisenhäusern und Altenheimen, doch ihre Heldentaten gerieten in Vergessenheit. 1965 wurde sie jedoch von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

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