Politik : „Es wird nicht besser im Irak, sondern schlimmer“

Der Unternehmer Peter Bienert über die Gefahrenlage im Land, seine Erfahrungen mit Entführungen und Lösegeldversicherungen

Am 24. Januar 2006 wurden zwei deutsche Ingenieure der sächsischen Firma Cryotec im Irak entführt. Nach 99 Tagen kamen sie wieder frei. Firmenchef Peter Bienert wurde damals beschuldigt, die Gefahrenlage unterschätzt und fahrlässig gehandelt zu haben.

Herr Bienert, Ihre Firma Cryotec ist immer noch im Irak tätig. Man könnte meinen, Sie hätten nichts dazugelernt.

Ich verstehe diese Einschätzung, aber sie ist falsch. Wir haben seit über zehn Jahren Beziehungen in dieses Land, wir waren beim Programm „Oil for Food“ dabei, wir waren Aussteller auf einer internationalen Messe in Bagdad. Unsere Erzeugnisse werden zudem nicht in vielen Ländern gebraucht, sondern eben vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern. Unsere Sauerstoff- und Stickstoffanlagen sind dezentral aufgestellt, weil es in diesen Ländern keine flächendeckende Versorgung gibt. Krankenhäuser brauchen die Anlagen genauso wie Handwerksbetriebe oder die staatliche Industrie. Auch deshalb sind wir dort. Es ist unser Geschäft, und wir sehen das auch als humanitären Beitrag an.

Sind Ihre eigenen Leute im Irak oder nur irakische Mittelsmänner?

Glauben Sie mir, wir haben unser Lehrgeld bezahlt. Wir haben damals gedacht, wir könnten unserem Mittelsmann vertrauen. Es war ein irakischer Insider, aber seine Einschätzung der Sicherheitslage war falsch. Wir schicken deshalb derzeit niemanden direkt dorthin. Das lässt die Gefährdungssituation nicht zu.

Das bedeutet, die Sicherheitslage hat sich aus Ihrer Kenntnis nicht verbessert?

Ich würde sagen: absolut nein. Wir haben Leute vor Ort, die uns darüber glaubhaft berichten und die in den letzten Wochen dort waren. Es wird nicht besser – höchstens an einigen Orten und für begrenzte Zeit –, sondern es wird schlimmer. Unser Vertreter in Bagdad beispielsweise kann uns im Moment kaum betreuen, weil er Reisewege kurz halten muss und Entführungen oder Anschläge jederzeit drohen.

Würden Sie selbst jetzt in den Irak reisen?

Nein. Und es fällt mir schwer, es nicht zu tun. Denn ich war bereits fünf Mal dort. Wir hier in Deutschland sind beunruhigt wegen der entführten Deutschen im Irak, in Afghanistan, aber dort werden täglich Zehntausende Iraker entführt, darunter viele Kinder. Es ist eine schreckliche Entführungsindustrie entstanden. Der Bruder eines unserer Geschäftspartner vor Ort ist gerade entführt worden, wir wissen nicht, was mit ihm ist.

Was sagen Ihnen Iraker über ihr Land und die momentane Situation?

Viele irakische Geschäftsleute schämen sich teilweise wegen der Situation. Es ist ein stolzes Volk, gut ausgebildete Leute, mit einst sehr guten Universitäten. Jetzt blutet alles aus. Entführungen sind Alltag, das beste Mittel, hat mir gerade jemand gesagt, sei auszuwandern. Dieser Krieg hinterlässt irreparable Schäden.

Haben die Botschaft oder das Auswärtige Amt versucht, Sie davon abzuhalten, wieder im Irak tätig zu werden?

Nein. Wir sind völlig frei, der Staat hält sich da raus, und das ist auch gut so. Es ist auch eine merkwürdige Mischung aus Warnen und Fördern. Sehen Sie, als wir damals auf der Messe in Bagdad waren, im Jahr 2001 und 2002, da gab es auch schon die Reisewarnung vom Auswärtigen Amt, aber die Messe war gefördert mit Mitteln vom Bundeswirtschaftsministerium. Und seien wir ehrlich: Wenn wir jetzt nicht dort am Ball geblieben wären, dann hätte eine britische Firma das Geschäft gemacht. Wir befinden uns nun mal im globalen Wettbewerb.

Nach den jüngsten Entführungsfällen in Afghanistan verstehen viele Menschen nicht, wie man sich in die Gefahr begeben kann. Sind Sie sich der Gefahr wirklich bewusst?

Wir haben nach der Entführung unserer Ingenieure viele Mails bekommen mit dieser Frage. Oft waren das Menschen, die nie konfrontiert wurden mit der Härte des Lebens und der des Wirtschaftslebens. Meine Aufträge liegen nicht auf der Straße, ich muss darum kämpfen. Viele andere, die im Ausland arbeiten, haben uns verstanden und andere Mails geschrieben. Ich nehme niemandem seine Meinung übel, aber viele Menschen können sich einfach kein Urteil erlauben, sie haben keine Ahnung.

Haben Sie eigentlich eine Risikoversicherung für die Firma abgeschlossen?

Nein. Wir haben international übliche Versicherungen wie Haftpflicht oder die der Berufsgenossenschaft. Aber keine Risikoversicherung. Aber wir entsenden ja auch direkt kein Personal. Außerdem sind diese Versicherungen sehr teuer. Wenn Sie mit zwei, drei Prozent Gewinn rechnen, können Sie nicht zehn Prozent in die Risikoversicherung stecken.

Würden Sie nach Afghanistan gehen?

Nein.

Viele rätseln, wie die Bundesregierung in Afghanistan über die Freilassung der Geiseln verhandelt. Was waren Ihre Erfahrungen?

Die offizielle Linie muss Abgrenzung sein. Das ist so, das war auch bei uns so. Aber hinter der offiziellen Fassade muss verhandelt werden. Sie brauchen jemanden vor Ort – wir brauchten einen Iraker, der mit voller Unterstützung der Botschaft und der Bundesregierung handeln konnte. Das hat er getan. Unter Einsatz seines Lebens und großer Hilfe des Botschafters. Sie können also in Afghanistan nicht nur Afghanen verhandeln lassen, das wäre fahrlässig. Der Mittelsmann muss legitimiert sein. Die Entführer müssen das wissen, sonst hat man ein Problem.

Wurde im Fall Ihrer entführten Ingenieure Lösegeld gezahlt?

Aus unserer Kenntnis hat die Bundesregierung nichts gezahlt.

Das Gespräch führte Armin Lehmann.

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