Politik : Es würde uns Leid tun

Von Gerd Appenzeller

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Es sieht nicht schön aus, wie die Leichen in der Dünung vor den Küsten Andalusiens, Lanzarotes und Fuerteventuras treiben. Seitdem das Elend Afrikas die Badestrände erreicht hat, kann Europa nicht mehr wegschauen. Bevor die elektronische Überwachung des Atlantik und Mittelmeerraums eingeführt wurde, fing die spanische Polizei in fünf Monaten mehr als 11000 Flüchtlinge in ihren Booten auf offenem Ozean ab. Heute sind es nur noch 3600 in diesem Zeitraum. Lebend. Die Toten werden nicht alle angeschwemmt. Es wird auch nicht viel helfen, die Stacheldrahtzäune um die beiden spanischen Exklaven auf marokkanischem Boden auf acht Meter zu erhöhen. Dann sterben eben jede Nacht 20 und nicht mehr nur sechs von den Tausend, die mit Leitern und Stricken das letzte Hindernis vor dem gelobten Land zu überwinden suchen.

Europas Reichtum und Wohlstand hat eine nicht mehr zu übersehende Kehrseite. Die Asylrechtsverschärfungen der vergangenen Jahre schafften das Problem aus den Augen der Deutschen, Belgier, Briten und Holländer. Wir nehmen es nur schemenhaft wahr und fühlen uns schon dadurch belästigt. Aber für die Bewohner der Küstenregionen Spaniens und Italiens, zunehmend aber auch in den nicht zur EU gehörenden Ländern Marokkko, Algerien und Tunesien sind die Flüchtlinge nach Europa eine drückende Belastung geworden, menschlich, seelisch und sozial.

Es sind nicht die Bürger der relativ wohlhabenden, an der Entwicklung Europas teilhabenden Maghrebstaaten, die den gefährlichen Weg über das Meer wagen. Nein, es sind Schwarzafrikaner aus Staaten ohne Hoffnung, aus Mauretanien, Niger und Mali. Sie kommen durch die Wüsten und überwinden so unkontrolliert die Grenzen zu den arabischen Mittelmeeranrainern. Mit Hilfe können sie dort nicht rechnen, eher mit Duldung. Die Regierungen in Rabat, Algier und Tunis kennen ja die eigentlichen Ziele der Heimat- und Ausweislosen – Europa.

Dieses Europa versucht, mit Entwicklungsprogrammen den Wohlstand auch im südlichen Mittelmeerraum zu entwickeln, so, wie es den Brüsseler Planern zuvor schon mit den europäischen Staaten der Region gelang. Alleine Spanien erhält von 2000 bis 2006 mehr als 57 Milliarden Euro zur Strukturverbesserung – man sieht die Wirkung überall im Lande.

Das entsprechende Programm für das südliche Mittelmeer heißt „Meda“. Die Meda-Milliarden sollen hier noch einmal ein Wunder schaffen wie zuvor die EU- Strukturfonds in Portugal und Griechenland, den anderen beiden Empfängern neben Spanien. Die Meda-Mittel sind jedoch viel zu gering. Aus ihnen soll die Entwicklung Palästinas genauso angeschoben werden wie die im Irak. Eine Milliarde Euro jährlich für alle Staaten zwischen Jordanien im Osten und Marokkko im Westen – das ist viel zu wenig. Die Impulse von dort sollen schließlich weit nach Afrika hinein wirken.

Man mag einwenden, Europa könne sich nach der Osterweiterung nicht noch ein Entwicklungsprogramm für Afrika aufhalsen. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Europa kann nicht Zufluchtsort für alle Hungernden werden. Aber auch nicht zum Massengrab für zehntausende ertrunkener Flüchtlinge. Dieser Erdteil mag nicht mehr sonderlich christlich sein – aber so humanitär geprägt, dass seine Menschen das nicht ertragen würden, ist er allemal noch.

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