Politik : "Es wurde zu schwer, am Leben zu bleiben"

BLACE/GENF (AP/AFP).Flucht und Vertreibung der Menschen aus dem Kosovo haben über Pfingsten dramatische Ausmaße angenommen.Mehr als 15 000 Kosovo-Albaner trafen am Wochenende in Mazedonien ein, weitere 4000 in Albanien.Viele von ihnen waren am Ende ihrer Kräfte.Sie berichteten von einer wochenlangen Odyssee und serbischen Greueltaten.In Albanien kamen auch mehr als 1000 Männer an, die aus Flüchtlingskonvois abgeführt und in Gefängnisse gebracht worden waren.

Einer Zwischenbilanz des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR zufolge sind inzwischen mehr als 800 000 Menschen auf der Flucht.Albanien hat 438 600 Menschen aufgenommen, Mazedonien 237 600, Montenegro 64 000 und Bosnien-Herzegowina 21 500.Aus Mazedonien wurden rund 50 000 Vertriebene ausgeflogen (siehe Tabelle).Die deutsche Sektion von amnesty international kritisierte auf ihrer Jahresversammlung in Lünen die Flüchtlingspolitik des Westens und forderte eine großzügige Aufnahme der Menschen.

Mit der Ankunft der 15 000 Flüchtlinge spitzte sich die Lage in Mazedonien am Montag kritisch zu.Gegen den vehementen Protest des UNHCR wollten die Behörden sechs Busse mit völlig erschöpften Flüchtlingen nicht einreisen lassen, sondern gleich nach Albanien abschieben.Nach mehrstündigen Verhandlungen dürften die Menschen dann doch ins Lager Stenkovec kommen."Das ist kein gutes Omen", sagte UNHCR-Sprecher Stromberg in Genf.Die Zustände seien chaotisch."Wenn weiterhin so viele Flüchtlinge ankommen, könnte es sein, daß wir uns wieder in Auseinandersetzungen mit den mazedonischen Behörden verstricken müssen, anstatt Zelte aufzubauen und uns um die Menschen zu kümmern."

Stromberg schloß nicht aus, daß Mazedonien die Grenze wie Anfang Mai wieder schließen könnte.Die Regierung in Skopje befürchtet ethnische Spannungen durch die steigende Zahl von Kosovo-Albanern in dem überwiegend slawischen Land.Einige der Flüchtlinge berichteten, die mazedonischen Behörden verlangten, daß sie eine Erklärung unterzeichneten, wonach sie bereit seien, nach Albanien zu gehen.Die UN sprachen von einem Bruch der Vereinbarungen.

Die meisten Vertriebenen kamen aus der Kosovo-Hauptstadt Pristina und aus Urosevac im Süden.Viele hatten eine wochenlange Wanderung hinter sich, zeitweise mußten sie sich in Wäldern verstecken."Es wurde einfach zu schwer, noch am Leben zu bleiben", sagte die 33jährige Bajram Ramidi, die zwei Monate lang unterwegs war."Nahrung und Geld gingen uns aus.Wir mußten da raus." Neuankömmlinge aus Pristina sagten, die Serben hätten ihre Vertreibungsaktionen verstärkt.Einige Familien sagten, sie seien mit dem Tod bedroht worden, falls sie nicht innerhalb von 30 Minuten ihr Haus räumten."Ich weiß nicht, ob das der letzte Schub ist, um alle herauszubekommen", so UNHCR-Sprecher Redmond.Nach Schätzungen der britischen Regierung werden im Kosovo noch bis zu 200 000 Männer im militärtauglichen Alter vermißt.Sie würden vermutlich von serbischen Behörden festgehalten, sagte Verteidigungsminister Robertson.

Am albanischen Grenzübergang Morini kamen am Wochenende mehr als 1000 Männer in Handschellen an.Sie waren in sehr schlechter Verfassung und gaben an, sie seien von den Serben aus einem Gefängnis bis kurz vor die Grenze gebracht worden.Viele von ihnen waren nach eigenen Angaben in den Wochen zuvor von serbischer Polizei aus Flüchtlingstrecks ausgesondert worden.Der 46jährige Zehnullah Mangjolli sagte, er sei mit einer Gruppe von 50 Männern in Fahrzeuge gesteckt, in die Nähe des Dorfes Skenderaj bei Kosovska Mitrovica gefahren und dort seien sie als menschliche Schutzschilde mißbraucht worden.Nach UNHCR-Angaben hatten viele der Männer Blutergüsse und Knochenbrüche.

Unterdessen teilte das UNHCR in Kukes mit, daß heute mit Evakuierungen von Flüchtlingen aus Nordalbanien begonnen werde.Die ersten 200 Menschen würden auf Nato-Lastwagen in Camps im Zentrum und im Süden des Landes gebracht.Dort seien sie sicherer und die Lebensbedingungen besser.

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