Eskalation der Gewalt : Blutige Unruhen in Tibet lösen Entsetzen aus

Wenige Monate vor den olympischen Spielen versinkt die tibetische Hauptstadt Lhasa im Chaos: Chinesische Truppen gingen am Freitag mit Schusswaffen gegen Demonstranten vor - wütende Tibeter zündeten chinesische Geschäfte an. International wächst die Sorge.

Tibet
Dramatische Lage in der Hauptstadt Lhasa. -Foto: AFP

PekingIn Tibet toben die heftigsten antichinesischen Proteste seit fast zwanzig Jahren. Dabei sind nach Angaben der Notfallzentrale in der Hauptstadt Lhasa am Freitag mehrere Menschen ums Leben gekommen - der Rundfunksender Radio Free Asia (RFA) berichtet, chinesische Sicherheitskräfte hätten mindestens zwei Menschen getötet. "Die Polizei hat in die Menge geschossen", berichteten Augenzeugen dem US-amerikanischen Sender.

Wütende Tibeter verwüsteten die Läden von chinesischen Besitzern und setzten sie in Brand. Auf dem Platz vor dem Jokhang-Tempel in der Altstadt sind nach Angaben des Senders Polizisten und Feuerwehrleute attackiert worden, ihre Fahrzeuge umgestürzt und angesteckt worden. Ein Großaufgebot von Soldaten setzte am Abend eine Ausgangssperre durch.

Im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in China verschärfen die Tibeter seit Tagen ihre Kampagne gegen Pekings Fremdherrschaft über ihre Heimat. Am Freitag begannen die Proteste in Lhasa zunächst mit einem friedlichen Marsch von rund hundert Mönchen vom Ramoche-Tempel nördlich der Haupstadt zum Zentrum. Auf dem Weg schlossen sich immer mehr Menschen an. Als chinesische Sicherheitskräfte einschritten, schlugen die Proteste in Gewalt um. Auch Touristen berichteten übereinstimmend von Schüssen. Das Stadtzentrum sei inzwischen abgeriegelt, alle Restaurants, Cafés und Geschäfte geschlossen. "Man sieht nur noch Soldaten und Polizisten, nichts weiter", sagte ein deutscher Tourist am Telefon. Laut einem französischen Urlauber sind die Klöster der Stadt bereits seit drei Tagen geschlossen.

Der Dalai Lama ist "tief beunruhigt"

Das geistige Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, ist wegen der Ausschreitungen in seiner Heimat "tief beunruhigt".  Angesichts der Eskalation rief er aus seinem  Exil im nordindischen Daharamsala die chinesische Regierung und die Demonstranten zur Gewaltlosigkeit auf. Die zunächst friedlichen Proteste seien "Ausdruck des tief verwurzelten Ärgers des tibetischen Volkes" unter der chinesischen Regierung.

Die US-Regierung und die EU riefen China zur Zurückhaltung auf. Die USA erwarteten von Peking, die Kultur der Tibeter und die Unterschiedlichkeit der Volksgruppen in der chinesischen Gesellschaft zu respektieren, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses in Washington. Auch die Bundesregierung beobachtet die Entwicklungen in Lhasa mit Sorge und ruft "alle Seiten auf, Gewalt unbedingt zu vermeiden", sagte ein Ministeriumssprecher. Er hob zugleich hervor, friedliche Demonstrationen seien aus Sicht der Bundesregierung "legitimer Ausdruck des Rechts auf Meinungsfreiheit".

Mönche sprechen sich für Unabhängigkeit aus

Die Ausschreitungen sind der vorläufige Höhepunkt der Proteste anlässlich des Jahrestages des 1959 niedergeschlagenen Aufstandes gegen die chinesische Fremdherrschaft. Seit Montag hatten sich die Proteste auf mehrere Klöster in der Region Tibet und auch in den Provinzen Qinghai und Gansu ausgeweitet, wie exiltibetische Gruppen berichteten. Die Mönche protestierten gegen die chinesische Einmischung in religiöse Angelegenheiten und die "patriotische Erziehung" in den Klöstern.

Mehrere Mönche sprachen sich bei einer Aktion in Lhasa auch direkt für eine Unabhängigkeit Tibets aus. Erstmals seit 20 Jahren wurde dabei wieder eine tibetische Flagge in Lhasa geschwenkt. Zuletzt hatte Tibet 1989 schwere Unruhen erlebt, die der damalige Parteichef der Region und heutige Staats- und Parteichef Hu Jintao mit Gewalt niederschlagen ließ. Mehrere Menschen waren damals ums Leben gekommen.

Chinesische Medien schweigen

Tibet wird seit dem Einmarsch der chinesischen Armee 1950 von Peking regiert. Nach einem fehlgeschlagenen Aufstand der Bewohner flüchtete der Dalai Lama nach Indien, wo er seit 1959 in Dharamsala eine Exil-Regierung führt und für die Autonomie Tibets wirbt. China lehnt dies strikt ab.

Die offiziellen chinesischen Medien schwiegen über die Aufstände. Einzig die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete kurz in ihrem englischsprachigen Dienst von brennenden Geschäften und Gewalt in Lhasa. In einer einzeiligen Meldung machte sie unter Berufung auf die Regionalregierung den "Dalai Lama und seine Bande" für die Proteste verantwortlich. Berichte von CNN und BBC wurden ebenso zensiert wie einschlägige Internetseiten auf Chinesisch. (jam/dpa/AFP)

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