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Eskalation in Nahost : Israel: Luftwaffe attackiert 430 Ziele - 28 Tote

Am Mittwochmorgen feuerten radikale Palästinenser erneut Raketen auf Tel Aviv. Zuvor hatte Israels Luftwaffe massive Angriffe auf den Gaza-Streifen geflogen. Ist der Krieg noch zu stoppen? US-Präsident Obama ruft zur Mäßigung auf

Eine Batterie mit Abwehrraketen steht vor Tel Aviv, um palästinensische Raketen abzufangen.
Eine Batterie mit Abwehrraketen steht vor Tel Aviv, um palästinensische Raketen abzufangen.Foto: dpa

Es herrscht offene Gewalt, manche sprechen bereits vom Krieg zwischen Israel und radikalen Palästinensern. Am Mittwochmorgen wurden neue Luftangriffe auf Tel Aviv gemeldet, zuvor hatte die israelische Luftwaffe nach eigenen Angaben in der Nacht zum Mittwoch 160 Angriffe auf Ziele im Gazastreifen geflogen. Damit wurden seit Beginn der israelischen Militäroffensive am Dienstag bis Mittwochmorgen insgesamt 430 Ziele in dem Küstengebiet angegriffen, wie Militärsprecher Moti Almos im Armeeradio sagte. Bombardiert wurden demnach 120 Raketenwerfer, zehn Kommandoposten der Hamas, davon zwei in Wohnhäusern, und "zahlreiche" Tunnel.

Die israelische Armee hat 40.000 Reservisten einberufen und bereitet sich auf eine Bodenoffensive vor. Unklar ist jedoch, wann sie beginnt und welches Ziel sie verfolgt. Eine Besetzung des Gazastreifens halten Experten für unwahrscheinlich. Das gilt auch für einen Sturz der Hamas-Regierung. Aber womöglich werden die Streitkräfte versuchen, der militärischen Infrastruktur der Islamisten einen entscheidenden Schlag zu versetzen.

Geschosse schlagen auch in Jerusalem ein

Seit Tagen feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab, am Dienstagabend schlugen auch Geschosse in Jerusalem ein. Am Dienstag startete dann die israelische Armee die Militäroffensive "Schutzrand" mit dem Ziel, den Raketenbeschuss dauerhaft zu stoppen. Nach Angaben palästinensischer Rettungskräfte wurden seitdem bereits mindestens 28 Palästinenser getötet. Bei einem erneuten Angriff der israelischen Luftwaffe auf Ziele im Gazastreifen sind nach palästinensischen Angaben in der Nacht zum Mittwoch sechs Menschen getötet worden. Getroffen wurde ein Haus in Beit Hanun nördlich von Gaza-Stadt, wie ein Sprecher der palästinensischen Rettungskräfte mitteilte.

Am Dienstagabend feuerte die palästinensische Hamas-Bewegung auch mehrere Raketen auf Tel Aviv und Jerusalem ab. Im Zentrum Tel Avivs war keine Warnsirene, aber eine dumpfe Explosion zu hören. Auch in Jerusalem heulten kurz darauf die Warnsirenen. Anschließend waren laute Explosionen zu hören. Mindestens vier Blitze erhellten den Himmel südwestlich der Stadt, wie AFP-Reporter berichteten. Zuvor hatten militante Palästinenser im Gazastreifen erstmals seit fast zwei Jahren Tel Aviv wieder mit einer Rakete angegriffen. Dieses und ein darauf folgendes Geschoss wurden mit dem israelischen Luftabwehrsystem “Iron Dome“ abgefangen. Seit einigen Jahren verfügt die Hamas über Raketen mit großer Reichweite. Sie stammen vermutlich aus iranischer Produktion. Gemäß seiner Abschreckungsstrategie reagiert die israelische Armee auf Angriffe auf Tel Aviv oder Jerusalem gewöhnlich mit massiver Vergeltung.

US-Präsident Barack Obama ruft zur Mäßigung auf

Im Süden Israels wurden die Menschen aufgefordert, sich möglichst in der Nähe von Schutzräumen aufzuhalten. In der Region müssen die Menschen allerdings seit Jahren mit der Gefahr leben, angegriffen zu werden - auch von Heckenschützen. Viele Orte, vor allem an der Grenze zum Gazastreifen, verfügen inzwischen über ein ausgefeiltes Warnsystem, oft in Form einer SMS. Kindergärten und Schulen sind oft mit besonders dicken Wänden und schusssicheren Scheiben ausgestattet. Gebraucht werden sie derzeit aber nicht. In Israel haben vor einigen Tagen die Sommerferien begonnen.

Durch den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen bestehe die Gefahr einer Spirale von Gewalt und Gegengewalt, warnte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Israel habe das Recht, seine Bürger vor Raketenbeschuss zu schützen. “Ich hoffe, dass auf allen Seiten die Einsicht herrscht, dass eine militärische Konfrontation vermieden werden muss, die völlig außer Kontrolle gerät.“

Auch Barack Obama ruft Israelis und Palästinenser zur Mäßigung auf. "In diesem Moment der Gefahr müssen alle Beteiligten die Unschuldigen schützen, mit Vernunft und Maß agieren, nicht mit Rache und Vergeltung", schreibt der US-Präsident in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Zeit". Er forderte die Konfliktparteien auf, gerade unter den gegenwärtigen Bedingungen mutige Entscheidungen zu treffen: "Beide Seiten müssen gewillt sein, für den Frieden Risiken in Kauf zu nehmen. Washington hält Obama zufolge deshalb an einer Zweistaatenlösung fest. Die amerikanische Unterstützung für Israel sei allerdings nicht verhandelbar.

Israel: Wir werden die permanenten Raketenangriffe nicht hinnehmen

Verteidigungsminister Jaalon erklärte, Raketenangriffe auf israelische Städte würden nicht hingenommen. Die Armee sei bereit, den Einsatz gegen die Hamas mit allen verfügbaren Mitteln auszuweiten. Netanjahu sagte Regierungskreisen zufolge: “Alle Möglichkeiten liegen auf dem Tisch." Man bereite sich auf eine Schlacht gegen die Hamas vor, die nicht in wenigen Tagen vorbei sein wird“, erklärte Jaalon. Die Streitkräfte griffen am frühen Dienstagmorgen aus der Luft und vom Mittelmeer aus etwa 50 Ziele an, darunter Wohnhäuser.

Allein bei einem dieser Angriffe wurden nach palästinensischen Angaben mindestens sechs Menschen getötet und etwa 25 verletzt. Anwohnern zufolge gehörte das attackierte Gebäude der Familie eines Hamas-Mitglieds. Die radikal-islamische Organisation drohte dem jüdischen Staat mit einem “Erdbeben“. Die Region steht vor einer Gewalteskalation wie zuletzt 2012, als Israel und die Hamas einen achttägigen Krieg gegeneinander führten.“ Die israelischen Streitkräfte nahmen palästinensischen Angaben zufolge Ausbildungsstätten der Hamas sowie sechs Wohnhäuser ins Visier. Das palästinensische Innenministerium berichtete, vor einem der Angriffe habe ein israelischer Offizier die Bewohner gewarnt und sie zum Verlassen aufgefordert.

Die Gewalt in der Region eskaliert seit Juni, als im Westjordanland drei jüdische Schüler entführt und getötet wurden. Die Regierung macht dafür die Hamas verantwortlich.

Offensichtlich aus Rache wurde in der vergangenen Woche ein palästinensischer Jugendlicher in der Nähe von Jerusalem getötet. Sechs jüdische Tatverdächtige sind deswegen in Haft. Drei von ihnen, nach Angaben der Polizei Mitglieder einer rechtsextremistischen Gruppe, haben den Mord inzwischen gestanden. (mit Reuters/AFP/dpa)

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