Politik : Estland: Schwieriges Erbe

Barbara Schäder

Die Europäische Union bekommt neue Mitglieder. Über die Aufnahme der Beitrittskandidaten wird viel diskutiert, in Brüssel und auch in Deutschland. Meist geht es um die Reformen der europäischen Institutionen, die künftige Verteilung von Subventionen - und die Ängste der Bürger in Westeuropa. Doch was bewegt die Menschen in den Ländern Ost- und Südeuropas, die bald der Union angehören werden? Das kleine Estland versorgte in der Sowjetunion Lettland und auch Leningrad mit Strom, für dessen Gewinnung es im großen Stil Ölschiefer abbaute und verfeuerte. Geblieben sind dem Land aus dieser Zeit vor allem Umweltschäden sowie eine große russische Minderheit.

Über 20 Meter hoch türmt sich Asche neben der Straße auf, ein gelblich-grauer Berg in der flachen, grünen Landschaft. Die schroffe Halde erstreckt sich über 20 Kilometer entlang der Straße zwischen den Kraftwerken Balti und Eesti. Die beiden Elektrizitätswerke nahe Narva an Estlands russischer Grenze erzeugen 90 Prozent der estnischen Energie - und einen Haufen Dreck, denn sie verheizen Ölschiefer. Der weiche Stein zerfällt beim Verbrennen zur Hälfte zu Asche. Die Halde ist ein Erbe der Sowjetunion. Zwar hatte der Ölschiefer-Abbau schon in den 20er Jahren im unabhängigen Estland begonnen, doch nach der Besetzung wurde er von Moskau rücksichtslos forciert. Grafik: Estland und Europa Jelena Buzenko ist auch ein Erbe der Sowjetunion. Die 35-Jährige ist eine von rund 400 000 Russen, die in Estland leben. Wie Zehntausende andere siedelten ihre Eltern nach Nordost-Estland über, um hier beim Aufbau der Schwerindustrie zu helfen. Mit der Sowjetunion brach auch der Absatzmarkt dieser Betriebe zusammen. Die russischen Arbeiter aber sind noch da - und stehen vor einem großen Problem: "Es gibt praktisch keine Familie, in der es keinen Arbeitslosen gibt", sagt Jelena Buzenko. Unter den Frauen, die in den vergangenen Jahren entlassen wurden, sei sie praktisch die Einzige, die wieder Arbeit gefunden hat, erzählt die ehemalige Umweltbeauftragte. Doch obwohl sie als Sekretärin täglich acht Stunden arbeitet, bekommt sie umgerechnet nur 200 Mark im Monat. Trotz ihrer Berufserfahrung und trotz eines Studiums in Leipzig. Jelena Buzenko fühlt sich benachteiligt: "Wer Este ist und Estnisch spricht, hat viel mehr Perspektiven als die Leute, die eine Hochschulausbildung haben und vieles kennen und können. Wenn sie eben Russen sind oder Nicht-Esten, sozusagen", sagt sie bitter.

Natürlich wollen die Esten, dass die Russen ihre Sprache lernen - das hätten die in über 40 Jahren Sowjetherrschaft nicht nötig gehabt, kritisieren viele. Für einige Berufe ist die estnische Staatsbürgerschaft Voraussetzung. Um Staatsbürger zu werden, müssen die Russen eine Prüfung ablegen, die auch einen Sprachtest umfasst. Jelena Buzenko hat den Test bestanden. Aber es reicht trotzdem nicht für eine gute Stelle. Sie hofft, dass ihre Kinder es leichter haben werden: Sie lernen Estnisch schon in der Schule. Für die Erwachsenen bieten nur Privatschulen regelmäßig Sprachkurse an - zu Preisen ab 2400 estnischen Kronen, das sind 300 Mark. Zwar bekommen alle, die die Prüfung bestehen, die Hälfte der Kosten von der EU zurückerstattet. Doch die Vorleistung ist für viele zu hoch. Kostenfreie Kurse sind auch im neuen Integrationsplan der estnischen Regierung nicht vorgesehen. Für viele Esten sind die Russen eben eine sowjetische Altlast, wie die Aschehalden bei Narva. Mit denen allerdings hat sich der Staat arrangiert: Mindestens 15 Jahre lang wird noch Ölschiefer verfeuert.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben