Politik : ESTLAND

Jaan Kross

Estland bringt vor allem die Hoffnung mit in die Europäische Union, dass wir endlich wieder dahin zurückfinden, wo wir hingehören, nämlich ins vereinte Europa. Die Gelder, die nach dem Beitritt fließen werden, sind eine Stütze, aber sie sind nicht das Wichtigste.

Wirtschaftlich könnten wir eigentlich auch außerhalb der Europäischen Union existieren. Am wichtigsten ist das Moralische: dass wir uns wieder dazugehörig fühlen dürfen und unser Platz in Europa auch anerkannt ist.

Wir hatten all die Jahre unter fremder Herrschaft nie die Zeit, über uns selbst nachzudenken und Antworten auf die Frage zu finden, was Estland eigentlich ausmacht. Das ist erst begonnen worden. Ich persönlich habe jetzt meine volle Ruhe, mir zu diesem Thema Gedanken zu machen. Man muss das jetzt weiterführen, und man wird sehen, ob es gelingt, ob man sich am Ende wirklich zu Hause fühlt.

Ich denke, viele sind schon wieder bei sich angekommen, ohne sich selbst darüber im Klaren zu sein. Aber es gibt auch viele Menschen, die im Laufe der Zeit gebrochen wurden, und ich fürchte, es sind mehr, als man sich so denkt.

Einen ganz wesentlichen Teil unserer Identität macht zunächst einmal unsere Sprache aus. Da gibt es auch Gefahren, zum Beispiel die, dass wir durch die englische Sprache stark bedrängt werden. Ich hoffe aber, dass das nur eine vorübergehende Mode ist – ein Trend sozusagen, um das englische Wort zu benutzen. Die Leute gebrauchen englische Begriffe, zumindest bislang, ganz freiwillig, und es liegt ganz in unserer eigenen Verantwortung, wie das Ergebnis am Ende aussieht. Vieles wird sich nach dem EU-Beitritt auch im Bildungswesen entwickeln, der Austausch von Akademikern und Wissenschaftlern wird sich noch verstärken.

Für Estland hat der Beitritt zur Europäischen Union aber auch den Charakter eines Experiments. Eine weit verbreitete Erscheinung in großen Ländern ist die Arroganz. Mit Deutschland freilich habe ich persönlich allerdings verhältnismäßig gute Erfahrungen gemacht. In den alten Zeiten gab es das schon, aber nach dem Krieg hat es sich geändert. Seitdem ist in Deutschland praktisch nicht mehr die Arroganz eines großen Landes zu spüren.

Estland bringt auch geschichtliche Erfahrungen in die Europäische Union ein – wie man beispielsweise mit verschiedenen Herrschaften und Herrschern umzugehen hat, um sich in der Geschichte doch zu behaupten. Wenn man sich Zeit nimmt und sich mit unseren Erfahrungen beschäftigt, dann liefert das Stoff zum Nachdenken. Wenn man Interesse hat, kann man wirklich etwas von Estland lernen.

Aufgezeichnet von Jan Pallokat. Jaan Kross, der 1920 geboren wurde und fließend deutsch spricht, gehört zu den bedeutendsten estnischen Schriftstellern. Zu seinen wichtigsten Romanen gehören „Der Verrückte des Zaren“ (1978) oder „Das Leben des Balthasar Rüssow" (1986). Beide sind von der estnischen Geschichte inspiriert.

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