Politik : Estland

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Karoli Hindriks,


Generation 25

Wohin steuert Europa? Heute ist der 1. Mai 2007, und vielleicht – nur vielleicht – ist dies der beste Zeitpunkt, um diese rhetorische Frage zu stellen. Noch vor einer Woche hätte diese Frage für mich eine andere Bedeutung gehabt. Mein Land liegt an der Grenze Europas. Auch wenn Estland geografisch und kulturell immer Teil der europäischen Gesellschaft war, gehört es offiziell erst seit dem 1. Mai 2004 zur Europäischen Union – heute, da ich meine Gedanken niederschreibe, vor exakt drei Jahren. Aber die offizielle Unabhängigkeit von der Sowjetunion wurde bereits 1991 erklärt. Während der 16 Jahre seit dem Ende der sowjetischen Besatzung Estlands haben wir eine rasante Entwicklung vollzogen, und Estland ist inzwischen bekannt als das Land, in dem man ein Auto per Handy parken kann oder im Verkehrsstau den Laptop aufklappt und kostenlos ins Internet geht. Seit vielen Jahre ist Estland kontinuierlich in den Top 10 des Index of Economic Freedom der Heritage Foundation.

Und doch sagte mir erst vor vier Tagen – als ich ein Taxi zu meiner Wohnung bestellte, die fünf Minuten vom Zentrum entfernt ist – der Taxifahrer, er werde erst in 30 Minuten kommen, da die Schaufenster des größten Einkaufszentrums von etwa 1000 rebellierenden russischen Demonstranten eingeschlagen worden seien und ein Panzerwagen den Verkehr blockiere (!!!). Und während ich davon erzähle, schreiben wir das Jahr 2007! Diese Rebellion, die jetzt seit einer knappen Woche in Estland im Gange ist, ist ein Symbol für alle postsowjetischen Staaten. Estland liegt an der Grenze Europas und ist auch Symbol für die rasche Entwicklung und Arbeit, zu der ein kleines Land mit Hingabe und Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der Lage ist. Wir fühlen uns als Teil Europas, wir handeln, als seien wir Teil Europas, aber sind wir das auch? Was ist Europa? Gilt die Bedeutung von Europa als einer Familie nur in guten oder auch in schlechten Zeiten?

Im Dezember 2006 nahm ich als Sprecherin am Future of Europe Summit in Andorra teil. Dort war die wichtigste Frage, warum Europa – mangels Innovation und Unternehmergeist – immer mehr zum Altersheim der Welt wird. Als ich die Lage an der Basis betrachtete, wurde mir klar: Eine der Stärken Estlands ist, dass unsere Jugend früh anfangen muss zu arbeiten. Das liegt daran, dass bei uns eine starke gesellschaftliche Unterstützung fehlt, die es ermöglichen würde, die Kindheit herauszuzögern und sich nur auf Studium und „Party machen“ zu konzentrieren. Daher nutzen junge Leute ihr Potenzial bereits viel früher als der durchschnittliche westeuropäische Jugendliche.

Was die Zukunft angeht, glaube ich, dass Europa – jener Kulturraum, der immer Wert auf Traditionen gelegt hat – Land für Land sehr viel von Estland lernen kann – einem Land, das sehr schnell zahlreiche Innovationen eingeführt hat, weil es nach der kargen Zeit während der Sowjetära nur das Beste wollte. Gleichzeitig sollte es als Kulturraum und stabiler Sozialraum eine väterliche Rolle einnehmen und Europa zusammenhalten. Wenn diese beiden Dinge – Innovation und Stabilität – funktionieren, dann hat Europa meiner Meinung nach eine große und intelligente Zukunft vor sich.

Die Autorin, Jahrgang 1983, ist Country Product Manager Estland, MTV Europe. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Ayche.



Mall Hellam,
Generation 50

Für mich bedeutet Europa das Verschwinden der Barrieren. Uns Europäer verbindet die Liebe zu Freiheit und Chancengleichheit. Dieses Naturell durchbrach die Berliner Mauer und danach auch den Eisernen Vorhang. Europa ähnelt einer langen bunten Hauptstraße, an der sowohl das Pariser Quartier Latin, die Tallinner Altstadt als auch die römischen Springbrunnen, der Barcelonaer Gaudí-Park und die Budapester Cafés liegen.

Vom 21. Jahrhundert erwarte ich, dass wir nicht vor einer künstlichen Straßensperre stehen bleiben müssen, die das Hinzukommen neuer spannender Orte in den farbenfrohen Bund der Völker und Kulturen verhindert. Europäer mögen Mauern nur dann, wenn man diese mit Freunden erklettern und von dort die sich öffnende Aussicht genießen kann – keine Mauern, die Menschen und Ideen trennen.

Die Autorin, Jahrgang 1957, ist Geschäftsführerin der Open Estonia Foundation, Tallinn. Übersetzt aus dem Estnischen von Anu Lehmann.


 

Veljo Tormis,
Generation 75

In dieser Frage müsste man die Worte „a long period of peace“ mit den Worten „a long period of foreign authorities“ vertauschen. Den kalten Hauch des Krieges hat meine Heimatstadt Tallinn noch letzte Woche spüren müssen, als sich die Kräfte, die uns für 50 Jahre besetzt und sich hier niedergelassen hatten, mit Vandalismus in Erinnerung brachten. Es ist zwar ein langer, für uns jedoch ein kümmerlicher Frieden gewesen.

Der Autor, Jahrgang 1930, gilt als einer der wichtigsten estnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Aus dem Estnischen von Anu Lehmann.

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