Politik : Eta-Anschläge: Zu allem entschlossen

Andreas Klinger,Christian Böhme

Die neue Offensive der Eta kommt nicht überraschend. Vor kaum vier Wochen hat sich im politischen Sprachrohr der militanten Separatisten, Herri Batasuna, die kompromissloseste Strömung durchgesetzt hat. Dazu wurde diese Parteienkoalition bei einer Generalversammlung in Pamplona kurzerhand in Batasuna (Einheit) umgetauft. Und die älteren, gemäßigteren Führungskräfte, die der Terrororganisation von 1998 bis 1999 einen Waffenstillstand abgerungen hatten, wurden durch Vertreter der extrem radikalen Jugendorganisation "Jarrai" ersetzt, die seit acht Jahren in enger Zusammenarbeit mit der Eta-Führung einen ständigen Straßenkampf organisiert, um die Wohnungen und Geschäfte ihrer Gegener anzuzünden sowie Banken und öffentliche Einrichtungen zu zerstören.

Das noch radikalere Programm von Batasuna bezeichnet den Terror ausdrücklich als notwendig, um einen "unabhängigen und linksgerichteten Baskenstaat in Europa" zu begründen. Das sorgte dafür, dass sowohl die französischen Basken von "Abertzaleen Batasuna" als auch die weniger radikale Strömung "Aralar" aus Navarra protestierend aus der Koalition austraten. Batasuna hat diese erste Massenflucht in ihrer 22-jährigen Geschichte allerdings ebenso ignoriert wie ihre Wahlschlappe bei den baskischen Regionalwahlen im Mai, als das Eta-Lager die Hälfte seiner 14 Mandate verlor.

"Die Radikalen von Jarrai mit ihren geballten, erhobenen Fäusten sind das lebendige Abbild des überholtesten Marxismus-Leninismus", meinte die spanische Zeitung "El Mundo" in einem Kommentar. "Wer geglaubt hat, dass es einmal einen baskischen Gerry Adams und eine baskische Sinn Fein geben könnte, kann jede Hoffnung aufgeben. Denn Batasuna will die Demokratie abschaffen." Tatsächlich stimmt angesichts dieser düsteren Aussichten nur eines optimistisch: Die Eta hat offenbar enorme Probleme, ihre Nachwuchsterroristen im Umgang mit Sprengstoff zu schulen. Dadurch sind Spanien allein in den letzten zwölf Monaten mindestens drei große Massaker erspart geblieben, weil die Kommandos zuvor mit ihrem eigenen Dynamit in die Luft flogen. Zuletzt passierte das am vergangenen Dienstag einer jungen Baskin im ostspanischen Badeort Torrevieja.

Trotz der Unerfahrenheit der jungen Bombenleger gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Die Kommandos sind zu allem entschlossen. Das stellt die Eta täglich unter Beweis. Ob sie es wirklich darauf anlegt, Ausländer zu töten, erscheint aber zumindest fraglich, nachdem sie stets durch Bekenneranrufe dafür sorgt, dass die Urlauber evakuiert werden können. Vermutlich geht es ihr nur darum, Panikstimmung zu schaffen, um Madrid an seiner verwundbarsten Stelle zu treffen, am Tourismus, der Spanien mit 65 Milliarden Mark fast 20 Prozent seines Bruttosozialprodukts einbringt.

Ähnlich sieht das auch der Nürnberger Professor Walther Bernecker, einer der führenden Spanienexperten in Deutschland. Er vermutet hinter der jüngsten Attentatsserie den Versuch der Eta, den Baskenlandkonflikt wieder auf die "gesamtspanische Ebene" zu heben. Nachdem in den vergangenen zwei Jahren vor allem Lokalpolitiker als "Unterdrücker" das Ziel von Anschlägen waren, gebe es jetzt den Versuch, gezielt Madrid unter Druck zu setzen. "Die Terroristen versuchen, die Zentralmacht zu erpressen, indem sie ein touristenfeindliches Klima schaffen." Die Botschaft sei klar: Entweder ihr verhandelt mit uns über die Unabhängigkeit oder wir sorgen dafür, dass die Urlauber wegbleiben. Und das kostet euch Milliarden. Doch Bernecker ist sich sicher, dass sich Madrid trotz dieser Drohung nicht mit der Eta an einen Tisch setzen wird.

Derzeit sieht Bernecker keine Chance dafür, dass sich die Positionen von Ministerpräsident Aznar und den Separatisten annähern könnten. Seiner Ansicht nach muss die Eta noch viel mehr als bisher im Baskenland selbst politisch und gesellschaftlich isoliert werden. "Wenn das geschieht, dann sind die Bombenleger nichts weiter als eine Mördergruppe wie jede andere." Würde es dazu wirklich kommen, sei es sogar vorstellbar, dass Madrid über eine Ausweitung des Autonomiestatus nachdenkt.

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