EU-Beitritt : Für Island hängt alles am Fisch

Nach der Krise besinnt sich Island wieder auf seine Traditionen – und will seine Fischereirechte bei EU-Gesprächen verteidigen.

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Die EU-Kommission in Brüssel hat am Mittwoch nach eingehender Prüfung die Eröffnung von Beitrittsverhandlungen zwischen der Europäischen Union und Island empfohlen. Damit ist Island der EU einen Schritt näher gerückt – wobei die Atlantikinsel den Brüsseler Anforderungen ohnehin schon in hohem Maße genügt: Das Land im Norden Europas gehört bereits dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), der Europäischen Freihandelszone (Efta) und dem grenzfreien Schengen-Raum an. Auch eine rekordverdächtig schnelle Aufnahme in die Eurozone gilt theoretisch als möglich.

Dennoch gelten gerade die Fischereirechte als empfindlicher Punkt, der bei einer zwingenden Volksabstimmung zum endgültigen EU-Beitritt schwer ins Gewicht fallen wird. Ein endgültiger Beitritt könnte insbesondere dann an der Frage der Fischereirechte scheitern, wenn es der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir nicht gelingen sollte, weit reichende Sonderrechte für Island auszuhandeln. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Auch die großzügigen Subventionen für die Landwirtschaft will die Regierung in Reykjavik in Zukunft sichern – allein schon wegen der Bedeutung, die die Agrarwirtschaft für die Selbstversorgung auf der abgelegenen Insel hat.

Eine Beitrittseinwilligung des mürrischen Volkes bei einem obligatorischen Referendum steht und fällt mit der Brüsseler Kompromissbereitschaft in diesen Fragen. Brüssel müsse zu vielen Kompromissen bereit sein, betonte etwa Schwedens Außenminister Carl Bildt, dessen Land im zurückliegenden Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft innehatte. Denn die EU würde mit Island nicht nur ein Land aufnehmen, das einen Beinahe-Bankrott erlebt hat, sondern seinerseits die Union auch erheblich bereichern würde. Die EU würde sich mit einem Beitritt Islands auf die Arktisregion ausdehnen. Die vom Klimawandel angetriebene Eisschmelze lässt dort die Förderung enormer Rohstoffvorkommen und neue Schiffsrouten immer realistischer erscheinen. Die USA und Russland haben sich schon ihre Plätze im Spiel um den Nordpol gesichert. Alleine in der US-Botschaft in Kopenhagen sollen fast ein dutzend Experten sitzen, die nur mit Beziehungspflege zu Grönland zu tun haben, das im Sommer 2009 teilunabhängig von Dänemark geworden ist. Mit Island könnte Brüssel endlich nachziehen, wenn die EU-Zentrale das gewünschte Verständnis für Sonderregeln aufbringt.

Der Fisch macht rund die Hälfte des isländischen Exports aus. Durch die Wirtschaftskrise und den Zusammenbruch der isländischen Finanzkonzerne vor einem Jahr liegt die Frage der Fischereirechte den Isländern im Zuge einer Rückbesinnung auf ihre Kernindustrien wieder deutlich mehr am Herzen. In den Zeiten vor der Finanzkrise war es noch üblich, dass etwa die Söhne von Fischern Banker wurden. Selbst mitten im Zusammenbruch blieb der Fischsektor dennoch eine verlässlich stabile Einnahmequelle. Selbst die Kronenstücke der kleinsten selbstständigen Währung der Welt bilden zahlreiche Fischarten ab. Der Fischfang ist tief mit der Identität des Volkes verbunden, und entsprechend groß ist die Angst, künftig der Konkurrenz durch spanische Fangflotten ausgeliefert zu sein.

Seit dem Ausbruch der Krise, die zur Abwahl der traditionell stets antieuropäischen Unabhängigkeitspartei geführt hat, haben die EU-Beitrittsbefürworter inzwischen wieder an Boden verloren. Die Europäische Union wird von vielen Isländern mit Briten, Niederländern und auch nordischen EU-Nachbarn gleichgesetzt. Diese hätten Island verraten und entpuppten sich nun als gierige Kredithaie, die den letzten Saft aus der Vulkaninsel pressen wollten – so lautet ein weit verbreitetes Vorurteil auf der Insel.

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