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EU-Beitritt : Warum noch Europa, Kroatien?

16.05.2013 09:52 Uhrvon
Vor dem kroatischen Parlament hängen die EU-Flagge und die kroatische Flagge schon seit zehn Jahren nebeneinander.Bild vergrößern
Vor dem kroatischen Parlament hängen die EU-Flagge und die kroatische Flagge schon seit zehn Jahren nebeneinander. - Foto: dpa

Heute stimmt der Bundestag über den EU-Beitritt Kroatiens ab. Die Kroaten haben zehn Jahre um die Aufnahme gekämpft. Im Juli ist es endlich so weit – und sie landen mitten in der Krise.

Mario Sever hat keine Angst vor holländischen Tomaten. Es ist Samstagmittag, auf dem ältesten Markt in Zagreb, dem Dolac, drängen sich die Menschen. Es riecht nach Fisch, Fleisch, Gewürzen, Blumen und frischen Zwiebeln. Der Stand von Sever ist nicht groß, drei Klapptische nur. Er hat eine Waage aufgestellt und einen roten Sonnenschirm. Fast könnte man den Mann im blauen T-Shirt übersehen zwischen den hunderten Ständen. Doch während sich beim Nachbarn noch das Gemüse türmt, sind Severs Kisten leer. „Alles verkauft“, sagt er und lacht. Mario Sever ist so etwas wie die Zukunftshoffnung Kroatiens.

Am 1. Juli wird das Land an der Adria das 28. Mitglied der Europäischen Union.

Zehn Jahre haben die Kroaten auf diesen großen Tag hingearbeitet, haben ihr gesamtes Wirtschafts- und Rechtssystem auf den Kopf gestellt. Sie wollten unbedingt dazugehören, waren gekränkt, dass sie 2004 und 2007 noch nicht dabei sein durften, als Europa seine Ost-Erweiterung feierte. Doch jetzt, da es endlich so weit ist, steckt die EU tief in der Krise. Die Briten denken sogar laut übers Austreten nach und die Kroaten sollen jubeln? Sie wissen nicht mehr, ob sie sich nun auf die EU freuen oder sich vor ihr fürchten sollen.

Bio-Pionier und Vorbild. Mario Sever ist so etwas wie die Zukunftshoffnung Kroatiens. Foto: E. SimantkeBild vergrößern
Bio-Pionier und Vorbild. Mario Sever ist so etwas wie die Zukunftshoffnung Kroatiens. Foto: E. Simantke

Sever freut sich. Dass die Menschen auf dem Dolac ausgerechnet bei ihm Schlange stehen, hat einen Grund: Er ist der einzige bekannte Bio-Bauer Kroatiens. Seine Familie hat Stände auf zwei Freiluftmärkten, drei Geschäfte in Zagreb und sie exportiert nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. „Für uns wird im Juli im Ausland vieles leichter“, sagt er. Er wird dann keine Zölle mehr zahlen müssen. Mehr Konkurrenz zu Hause schreckt ihn nicht. „Das billige Gemüse aus Gewächshäusern kann mit uns nicht mithalten. Unsere Sachen sind gesünder und günstig genug.“ Außerdem könnten die Holländer auch mit viel Technik keine kroatischen Nüsse oder bestimmte heimische Salate züchten, da ist er sich sicher.

Sever, der Bio-Pionier, erzählt eine Erfolgsgeschichte, die die Menschen in Kroatien gerade nur zu gerne hören. Deshalb ist auch das Fernsehen regelmäßig zu Besuch auf seinen Feldern nahe Zagreb. Mit 27 verlor der gelernte Architekt seinen Job, wie so viele Kroaten seit den 90er Jahren. Das ist jetzt 15 Jahre her. Freunde bekamen mit, dass er und seine Frau hobbymäßig Gemüse ohne Pestizide anpflanzten. Die erzählten es ihren Nachbarn und die wiederum den Nachbarn der Nachbarn. Inzwischen bewirtschaften die Severs 100 Hektar Land, haben ihre eigene Fanseite bei Facebook und halten Vorträge an Universitäten über ökologischen Anbau. Die Severs sind jetzt eine Marke.

„Branding“, das ist so ein Lieblingswort der kroatischen Wirtschaftsexperten. Sie sagen, Kroatien brauche endlich ein Geschäftsmodell, müsse klar für etwas stehen. Den 4,5 Millionen Kroaten geht es nicht gut, das Land erlebt das fünfte Jahr Rezession in Folge, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Sie suchen nach Ansätzen, die auf dem EU-Markt bestehen können, wenn am 1. Juli die Zollgrenzen fallen und neue Regeln gelten. Oder wie die Leute auf dem Dolac sagen: wenn Aldi und die holländischen Tomaten kommen.

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