EU-Beitrittsverhandlungen : Kroatien sieht sich vor dem Ziel seiner Träume

Das kleine Balkanland sieht sich dort, wo es immer hin wollte: Als Vorposten Europas. Doch bis zu einem EU-Beitritt Kroatiens ist eine Menge zu tun.

Zagreb - Mit dem Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen sieht sich Kroatien vor dem Ziel seiner Träume. Nachdem der «tausendjährige Traum» eines selbstständigen Staates 1991 Wirklichkeit geworden sei, komme das kleine Balkanland dort an, wo es ohnehin schon immer hingehöre, sind sich Politiker und Medien landauf und landab ausnahmsweise einmal einig. Denn Kroatien hat sich schon immer als Vorposten Europas an der «Grenze zum Orient» gefühlt.

Geschichtlich sei Kroatien durch seine jahrhundertelange Zugehörigkeit zur Habsburger Monarchie ohnehin ein Teil Europas gewesen, heißt es zur Begründung. Möglicherweise stammt daher der Einsatz Österreichs für seinen südlichen Nachbarn. Wirtschaftlich war die Region bereits als Teilrepublik des untergegangenen Jugoslawien besser gestellt als die südlichen Landesteile und fühlte sich seinen nördlicheren, industriell entwickelten Nachbarn mehr verbunden als den armen Brüdern zum Beispiel in Mazedonien oder im Kosovo.

Aber auch in der Gegenwart wird eine Vielzahl von Argumenten angeführt, warum Kroatien selbstverständlich ein Teil der Europäischen Union werden müsse: Über 55 Prozent des Außenhandels wird mit EU-Ländern abgewickelt. Deutschland, Österreich und Italien sind die alles beherrschenden Wirtschaftspartner. Mehr als die Hälfte der ausländischen Touristen kommen ohnehin aus diesen drei Ländern. Auch die 250.000 Gastarbeiter allein in Deutschland werden als Brücke in die gelobte EU-Gemeinschaft verstanden.

Die einfachen Bürger erhoffen sich durch die Annäherung an Brüssel eine bessere Versorgung und mehr Arbeitsplätze. Dafür gibt es mit Investitionen von über einer Milliarde Dollar im vergangenen Jahr, die größten Summen davon aus Österreich und Deutschland, Anlass zur Hoffnung. Die Groß- und Einzelhändler Metro und Lidl oder die österreichische Lebensmittelkette Billa sind inzwischen ebenfalls überall im Land vertreten wie die einschlägigen Baumärkte.

Doch vor dem optimistisch für 2008 angepeilten EU-Beitritt gibt es noch viel zu tun. Die Stimmung im Land ist immer noch teilweise nationalistisch geprägt und von der Angst vor dem Ausland bestimmt. Gesetze und Justizsystem sind längst noch nicht auf europäischem Stand. Auch drücken 25 Milliarden Dollar Auslandsschulden, von der hohen Arbeitslosenquote bei rund 20 Prozent ganz zu schweigen.

Doch Kroatien hat das Beispiel des oft nicht gerade geliebten nördlichen Nachbarn Slowenien vor Augen. Das mit rund zwei Millionen Einwohnern nicht einmal halb so große Land hat sich seit dem EU-Beitritt prächtig entwickelt, erwirtschaftet mit 12.300 Dollar pro Kopf ein doppelt so hohes Bruttoinlandsprodukt wie Kroatien und ist zum Großinvestor auf dem Gebiet des gesamten auseinander gebrochenen Vielvölkerstaates Jugoslawien geworden. Da hat sich bescheidener Wohlstand wie von allein eingestellt. (Von Thomas Brey, dpa)

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