Politik : EU-Erweiterung: Ein Schicksal wie Mallorca?

Rasso Knoller

Die Europäische Union bekommt neue Mitglieder. Über die Aufnahme der Beitrittskandidaten wird viel diskutiert, in Brüssel und auch in Deutschland. Meist geht es um die Reformen der europäischen Institutionen, die künftige Verteilung von Subventionen - und die Ängste der Bürger in Westeuropa. Doch was bewegt die Menschen in den Ländern Ost- und Südeuropas, die bald der Union angehören werden? Anders als die Osteuropäer, deren Alltag noch immer von den Folgen des Umbruchs nach dem Fall der Mauer bestimmt wird, sehen sich die Bürger der beiden südlichen Beitrittsländer, Malta und Zypern, mit ganz eigenen Problemen konfrontiert. Die Malteser etwa fürchten, mit der Annäherung an den Kontinent ihre kulturelle Identität zu verlieren.

Theresa Van Rooy aus der kleinen Ortschaft Gugja weiß genau, was passiert, wenn Malta Mitglied der Europäischen Union wird: "Wir würden nicht lange warten müssen, bis wir hier die ersten Sexläden haben", ereifert sie sich. Weiter befürchtet sie, dass dann an den maltesischen Zeitungskiosken Magazine wie Hustler, Penthouse oder Playboy verkauft werden würden. Frau Van Rooy ist auf der tief katholischen Insel nicht allein mit ihrer Meinung. Viele Menschen teilen die Ansicht und fürchten aus Richtung Brüssel einen Anschlag auf ihren Glauben, ihre Lebensweise und ihre Traditionen.

Die stolzen Malteser wissen, dass ihr kleines Land mit gerade einmal 390 000 Einwohnern sicher nicht zu den politischen Schwergewichten im europäischen Reigen gehören wird und sie bezweifeln, dass es im Konzert der Großen überhaupt wahrgenommen wird. Das politische Sprachrohr der Europaskeptiker ist die oppositionelle Arbeiterpartei, die gegenwärtig 30 der 65 Parlamentssitze inne hat. Während ihrer Regierungszeit von 1996 bis 1998 wurde bereits einmal ein EU - Antrag auf Eis gelegt, den die konservative Nationale Partei (NP) 1990 gestellt hatte. Doch seit die NP wieder an der Macht ist steuert das Land erneut auf Europakurs.

Die Nähe der katholischen Kirche zur Nationalen Partei ist auch der Grund, warum die Kirchenführung ihre Schäfchen im Kampf gegen Playboy und Hustler allein lässt. Offiziell ist der befürchtete Sittenverfall denn auch kein großes Thema. Selbst europaskeptische Politiker warnen in ihren Reden nur ausnahmsweise vor nackten Frauen auf den Titelseiten der Magazine. Fährt man aber durch das Land und spricht mit den Leuten, stellt man bald fest, dass für viele Europa ein anderes Wort für Unmoral ist. Immer mehr Touristinnen setzen sich über das strenge "Oben-ohne-Verbot" an den Stränden hinweg und riskieren damit nicht nur in hohes Bußgeld, sondern verstärken auch das Bild der zügellosen "Europäerin".

Doch die Malteser sehen sich nicht nur von nacktem Busen bedroht, sondern auch von fremdem Geld. Vor allem die Anhänger der Arbeiterpartei sehen die Gefahr, dass ihr Land aufgekauft werden könnte. Dabei fürchtet man ausländische Firmen ebenso wie die deutschen und englischen Rentner, der sich hier zur Ruhe setzen wollen. Ex- Außenminister George Vella, gegenwärtig stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AP, weist in seinen zahlreichen Reden immer wieder darauf hin, dass Malta nach dem Unionsbeitritt von Ausländern überschwemmt werden wird und seine Identität verlieren würde. Als abschreckendes Beispiel dient ihm die Baleareninsel Mallorca, die nach seinen Worten inzwischen nichts anderes als eine deutsche Kolonie sei.

"Die kaufen uns einfach auf", fürchtet auch der 45-jährige Jose Borg, der als Restaurantbesitzer zwar vom Tourismus profitiert, die Besucher seines Landes aber ebenso gerne gehen wie kommen sieht. Er befürchtet auch, dass er seinen Angestellten nach einem Unionsbeitritt wesentlich höhere Löhne zahlen muss und damit seine Ausgaben steigen. "Die Preise können wir aber trotzdem nicht erhöhen, denn sonst fahren die Touristen einfach woanders hin", sieht er ein gespenstisches Szenario voraus.

Ob Sex und Immobilienspekulation Malta im Falle eines EU-Beitritts wirklich wie eine Seuche überziehen werden, ist allein schon auf Grund der geographischen Lage des Landes fraglich. Wahrscheinlich wird die 75 Jahre alte Bauersfrau Carmela Pace Recht behalten, die überzeugt ist: "Ob wir der EU beitreten oder nicht, ist doch egal, wir sind zu klein und zu weit weg, als dass es irgend jemand interessieren würde, was wir hier machen."

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