Politik : EU-Erweiterung: Innerlich noch auf Distanz

Ludmila Rakusan

Die Europäische Union (EU) bekommt neue Mitglieder. Über die Aufnahme der Beitrittskandidaten wird viel diskutiert, in Brüssel und auch in Deutschland. Meist geht es um die Reformen der europäischen Institutionen, die künftige Verteilung von Subventionen - und die Ängste der Bürger in Westeuropa. Doch was bewegt die Menschen in den Ländern Ost- und Südeuropas, die bald der Union angehören werden? In Osteuropa spüren sie noch vielfach die Folgen des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs seit dem Fall der Mauer; einige haben Erfolg, andere müssen mit neuen Risiken leben. Südwestböhmen etwa erlebt nach schweren Übergangsjahren einen Wirtschafts-Boom. Dem tschechischen Industriestandort ist es gelungen, an seine alte Blütezeit anzuknüpfen.

"Die Tschechen müssen ihre Heimat über alles lieben", glaubt Stefan Schmitt-Walter. "Dort, wo sie geboren sind, wollen sie auch leben und arbeiten. Sich vom Fleck zu rühren kommt ihnen nicht in den Sinn". Der 53-jährige Unternehmer aus München, der technologisch hochwertige Steuerungspaneele für Fließbänder der Automobilindustrie herstellt, muss es wissen. Seit geraumer Zeit versucht er schon, in Südwestböhmen ein Technologiezentrum aufzubauen. Sein größtes Problem allerdings sind die tschechischen Spezialisten, die keine große Lust haben, in die Provinz umzuziehen. Dennoch fand er in den letzten Jahren für seine tschechische Filiale in Strakonice einige gut qualifizierte Elektroingenieure und kann dorthin nun außer der Fertigung seiner Produkte nach und nach auch deren Entwicklung verlagern.

Dies schwebte ihm bereits 1994 vor, als er sich entschloss, aus München nicht nach Irland, sondern in die kleine Stadt am Fuße des Böhmerwaldes zu expandieren: "Böhmen war einst Zentrum der Industrieentwicklung in Europa. Der gute alte Porsche schuf hier seinen Käfer. Als Schüler eines tschechischen Meisters. Diese Wurzeln gibt es hier immer noch. Man braucht sie nur zu beleben." Auf die kreativen Wurzeln der technischen Intelligenz in Böhmen setzen inzwischen auch viele andere Unternehmer aus dem Westen. Gepaart mit großzügigen Steuererleichterungen, die von der gegenwärtigen sozialdemokratischen Regierung geboten werden, sorgt diese Mischung dafür, dass in den letzten drei Jahren mehr Direktinvestitionen ins Land flossen als in dem ganzen Jahrzehnt nach der Wende.

Als Paradebeispiel der erfolgreichen Zusammenarbeit wird in diesen Tagen das zehnjährige Jubiläum der Übernahme von den Skoda-Automobilwerken durch den VW-Konzern gefeiert. Die Unkenrufe, dass der Zusammenschluss wohl das Ende der eigenständigen Skoda-Autos bedeuten wird, erfüllten sich nicht. Im stillen Kampf um die Marke gelang es den tschechischen Ingenieuren im Laufe der 90er Jahre, sich ihren Platz in der internationalen Konkurrenz des VW-Konzerns zu sichern.

Skoda-Neuentwicklungen der unteren Mittelklasse setzen sich zunehmend auch in den westeuropäischen Ländern durch. Dennoch läuft nicht alles reibungslos. Die Skoda-Arbeiter sind mittlerweile zwar recht stolz auf ihre Produkte, fühlen sich jedoch angesichts der Leistung, die ihnen ganz nach dem westlichen Muster mittels Stechuhr tagtäglich abverlangt wird, mit ihren tschechischen Löhnen unterbezahlt und drohen oft mit Streiks.

Der Aufprall der verschiedenen Arbeitsmuster und Mentalitäten ist in Tschechien derzeit allgegenwärtig: "Die Leute zeigen wenig Eigeninitiative", bedauert Schmitt-Walter. "Das alte Obrigkeitsdenken ist hier noch stark verbreitet". Nicht nur die Wurzelbelebung, auch die aktuelle Verständigung kann ab und zu darunter leiden: "Oft erklären sich hier die Leute widerstandslos mit allem einverstanden, aber innerlich gehen sie auf Distanz", sagt Radek Primus, Berater einer deutschen Firma für Schulung der Führungskräfte. Er empfiehlt daher klarzustellen, welches "Ja" mit der Zustimmung gemeint sei: Ob ein deutsches oder ein tschechisches.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben