Politik : EU-Erweiterung: Riesen-Aufschwung

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Estland ist mit 1,5 Millionen Einwohnern das kleinste osteuropäische Land, das sich um die Aufnahme in die EU bemüht. Die einstige Sowjetrepublik hat nach ihrer Unabhängigkeit 1991 einen rasanten Wirtschaftsaufschwung erlebt. Die einst maroden Staatsbetriebe wurden nach dem Modell der deutschen Treuhand ausgeschrieben und an ausländische Investoren verkauft. Heute ist die Privatisierung fast abgeschlossen. Das Rechtssystem gründet sich im Wesentlichen auf das der Bundesrepublik. Die Währung wurde im Verhältnis eins zu acht an die deutsche Mark gekoppelt und blieb stabil, der Staatshaushalt ist ausgeglichen.

Trotzdem ist das Pro-Kopf-Einkommen mit umgerechnet 3600 Mark (1854 Euro) im Jahr das niedrigste unter den EU-Kandidaten der so genannten "ersten Reihe". Grund ist das extrem niedrige sowjetische Ausgangsniveau. Estland verdankt seinen Boom auch der Tatsache, dass es ähnlich wie Hongkong zu einer Freihandelszone geworden ist. Während die meisten anderen EU-Kandidaten für den Beitritt Handels- und Wettbewerbshindernisse abbauen müssen, wird Estland umgekehrt handelshemmende Schutzmassnahmen gegen Nichtmitglied-Länder errichten müssen. Das könnte für das relativ arme Land erhebliche Probleme mit sich bringen, weil sich etwa die Kosten für Lebensmittel und die Einfuhr von Kohle und Stahl erhöhen werden. Gute Fortschritte weist Estland auch bei der Integration der russischen Minderheit auf, die rund ein Drittel der Bevölkerung ausmacht.

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