Politik : EU gegen Spielerkäufe: Wettbewerbskommissar Monti will Ablösesummen abschaffen

Armin Lehmann

Franz Beckenbauers Worte sind heilig. Meistens jedenfalls, schließlich ist er ein Held. Er ist Fußball-Kaiser, DFB-Vizepräsident, Präsident des FC Bayern München, Ehrenspielführer, ein lebendes Denkmal. Gerade jetzt, wo er Deutschland die Fußball-WM 2006 ins Land geholt hat. Ein Sieger eben. Wenn er aber eine Niederlage wittert, wählt er die Worte weniger fein. Gestern beispielsweise. Der Grund: Die Europäische Union mischt sich in den Fußball ein: Diejenigen, die da im fernen Brüssel für die EU tätig seien, seien alles "gescheiterte Existenzen, die von ihren eigenen Regierungen hinausgejagt wurden". Sagt Beckenbauer. Und nur deshalb habe man die EU erfunden.

Beckenbauer ist derzeit nicht allein mit dieser Meinung. Denn es herrscht Ausnahmezustand im europäischen Fußball. Schon verkünden die Funktionäre den Untergang. Lennart Johnsson zum Beispiel, Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa): "Die Europäische Union versucht, den Klubfußball zu zerstören." Und schuld an allem ist auch noch ein Italiener, ein Mann also aus einem fußballverrückten Land. Er heißt Mario Monti und ist EU-Wettbewerbskommissar. Doch Monti schert sich nicht um die Begeisterung seiner Landsleute. Monti will das Transfersystem auf den Kopf stellen. Das EU-Parlament unterstützt Montis Pläne. Es geht der EU-Kommission darum, sagt der Sprecher der "Europäischen Volkspartei" EVP, Karl von Wogau (CDU), die freie Arbeitsplatzwahl der Fußballer zu sichern.

Die EU-Kommission hält das gegenwärtige System der Ablösesummen für unvereinbar mit dem EU-Recht, weil es auf wettbewerbswidrigen Absprachen zwischen den Vereinen beruhe und zudem das Recht auf Freizügigkeit für Arbeitnehmer in der EU beschränkt. Kurz: Ein Spieler, der den Verein wechseln will, darf nicht deswegen daran gehindert werden, weil sein neuer Arbeitgeber an eine Ablösesumme gebunden ist, die er gar nicht zu zahlen bereit ist. Und deshalb kann ein Wechsel platzen. Dies, argumentiert die EU, widerspreche den Römischen Verträgen, in denen die freie Wahl des Arbeitsplatzes garantiert ist.

Hohe Ablösesummen sind aber längst Alltag. Da wechselt der portugiesische Mittelfeldstar Luis Figo für 140 Millionen Mark von Real Madrid zum FC Barcelona. Der Marktwert der einzelnen Spieler ist die wichtigste Existenzgrundlage der Vereine. Wenn Spieler jetzt ohne Ablösesumme wechseln dürfen, ist auch für den Manager des Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, Dieter Hoeneß, der "Fortbestand des bezahlten Fußballs infrage gestellt". Hoeneß befürchtet "fatale wirtschaftliche Folgen", wenn die Ablösesummen wegfallen. Er verweist auf das Bosman-Urteil, das die Vereine schon wirtschaftlich stark genug belastet hätte. Nun müsste man womöglich weitere Einnahmeeinbußen hinnehmen. Damals beschloss der Europäische Gerichtshof, dass Fußballer der EU-Staaten sofort nach Ablauf ihres Vertrages ohne Ablösesumme der Arbeitgeber grenzüberschreitend innerhalb der EU-Länder wechseln dürfen.

Hoeneß sieht aber noch andere Probleme auf die Vereine zukommen. "Für die Trainer ist keine strategische Planung mehr möglich, wenn die Spieler alle paar Monate wechseln können." Auch die Identifikation der Fans mit der Mannschaft sei nicht mehr gegeben, weil es eben keine Mannschaft mehr gäbe, die über einen längeren Zeitraum zusammenspielt. Und die Spieler, die man wolle, könnten immer höhere Beträge verlangen. Beckenbauer drückt es anders aus: "Der Geldkreislauf bleibt der gleiche, nur dass dann nicht mehr die Vereine, sondern die Spieler das Geld kassieren und damit noch mehr verdienen."

Alle Vertreter des Fußballs sind sich hierin einig: Fußball sei etwas Besonderes, eine Art Kulturgut. Und deshalb streben der Deutsche Fußball-Bund und die Uefa in den Gesprächen mit der EU einen Sonderstatus für den Sport in den Römischen Verträgen an. Der DFB verweist auf die USA. Dort habe der Sport eine Sonderstellung, obwohl die Wettbewerbsbestimmungen schärfer seien als in Europa. Da es für die Fußball-Lobby um eine Sache von nationaler Angelegenheit geht, sollen sich nach Auffassung von Uefa und DFB am besten die nationalen Regierungen einschalten. Beckenbauer wird sich bis dahin in Zurückhaltung üben müssen, sonst könnte ihm Kanzler Schröder Sätze wie den folgenden übel nehmen: "Ich bekomme einen Schreikrampf, wenn ich nur daran denke, dass die größten Nieten in Europa Europa zusammenführen sollen."

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