Politik : EU-Kommissar stattet auch dem türkischen Norden Besuch ab - Skepsis vor der Reise

Gerd Höhler

Von manchen griechischen und türkischen Zyprern argwöhnisch beäugt, reist der für die Erweiterung der Europäischen Union (EU) zuständige EU-Kommissar Günter Verheugen an diesem Donnerstag in die geteilte Inselhauptstadt Nikosia. EU-Diplomaten in Brüssel und der zyprischen Hauptstadt bezeichnen den Besuch schon jetzt als "sehr bedeutsam".

Um die technischen Details des anvisierten EU-Beitritts der Inselrepublik dürfte es bei Verheugens Visite nur am Rande gehen. Zypern könnte als völlig unproblematischer Beitrittsaspirant gelten, wäre da nicht die Inselteilung. Die zu 80 Prozent von Zyperngriechen und zu 18 Prozent von ethnischen Türken bewohnte Insel ist gespalten, seit türkische Truppen 1974 den Norden Zyperns besetzten, um eine Annektierung durch das damals von einer Obristenjunta regierte Griechenland zu verhindern. Gesprächspartner der EU in den bereits weit gediehenen Beitrittsverhandlungen ist die international anerkannte Regierung der Republik Zypern. Sie kontrolliert allerdings lediglich den Süden der Insel. Jenseits der 1974 gezogenen Demarkationslinie regiert dagegen der türkische Volksgruppenführer Rauf Denktasch als "Präsident" der einzig von Ankara anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern".

Dass Verheugen während seines Zypern-Besuchs auch in den Norden der geteilten Inselhauptstadt fahren wird, um Denktasch zu treffen, sorgt bei manchen im griechischen Süden für Misstrauen. Nichts fürchtet man dort mehr als eine Legitimierung des Denktasch-Regimes durch die Hintertür.

Vor dieser Gefahr warnte jetzt im Zusammenhang mit dem Besuch Verheugens der sozialistische Oppositionspolitiker Vassos Lyssaridis. Aufregung lösten diese Woche in den griechisch-zyprischen Medien darüber hinaus Berichte über ein angebliches Geheimtreffen Verheugens mit einem Denktasch-Adlatus aus. Schon das Gespräch des deutschen Außenministers Joschka Fischer mit Denktasch in Hamburg diesen Monat wurde von vielen Inselgriechen argwöhnisch beäugt.

Der griechisch-zyprische Außenminister Jannakis Kassoulidis beteuert zwar, man habe keinerlei Bedenken gegen den Besuch Verheugens im Inselnorden. Der Minister mahnte aber am Mittwoch im Gespräch mit dieser Zeitung, es dürfe "bei Herrn Denktasch nicht der Eindruck geweckt werden, dass es auch nur die allerkleinste Möglichkeit gesonderter Beitrittsverhandlungen" mit dem Regime im Norden gebe.

Das müsste Denktasch allerdings bereits wissen. Schon in Hamburg erklärte Joschka Fischer dem Zyperntürken, dass eine völkerrechtliche Anerkennung seiner Sezessionsrepublik nicht zur Diskussion steht. Und Denktasch, so berichten Gesprächsteilnehmer, habe das wohl begriffen, auch wenn er das Hamburger Treffen hernach als diplomatische Aufwertung hinzustellen versuchte.

Entgegenkommen kann Rauf Denktasch auch jetzt von Verheugen nicht erwarten. Der EU-Kommissar wird den türkischen Volksgruppenchef ein weiteres Mal, aber wohl wiederum erfolglos bedrängen, an den bereits laufenden Beitrittsverhandlungen der zyprischen Regierung mit der EU teilzunehmen. Separate Gespräche mit den türkischen Zyprern, so stellte Verheugen schon vorab noch einmal klar, wird es nicht geben.

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