EU-Kommission : Brüssel will Ende der Überfischung

Sie scheint zu schön, um wahr zu sein – die Vision, die die EU-Kommission von der europäischen Fischerei im Jahr 2020 zeichnet: Die Überfischung gehört der Vergangenheit an, seit dem Jahr 2015 haben sich die Bestände von Kabeljau und fast allen anderen bedrohten Arten wieder vollständig erholt, die industriell betriebene Fischerei ist nicht mehr auf staatliche Zuwendungen angewiesen.

Albrecht Meier
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Foto: AFP

BerlinSo strahlend erscheint die maritime Zukunft in der Präambel eines Diskussionspapiers zur Reform der EU-Fischereipolitik, die der Brüsseler Fischereikommissar Joe Borg am kommenden Mittwoch vorstellen will. Allerdings rechnet die Kommission, die der jahrzehntelangen Überfischung der europäischen Bestände ein Ende bereiten will, auch mit negativen sozialen Folgen: Eine Verkleinerung der Fangflotten werde „zwangsläufig“ dazu führen, dass künftig unterm Strich weniger Menschen in der Fischerei beschäftigt würden, heißt es in einem Entwurf des Papiers, der dem Tagesspiegel vorliegt.

Dem Entwurf zufolge sollen aber die sozialen Folgen in Küstenorten, deren Bewohner in großem Maße von der Fischerei abhängen, abgemildert werden. Deshalb schlägt die Kommission vor, dass in erster Linie die größeren Industriefangflotten ihre Kapazitäten verringern sollen.

Vor allem wichtige EU-Fischereinationen wie Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Frankreich dürften die Vorschläge der Kommission genau unter die Lupe nehmen. In der vergangenen Woche hatten Fischer in Nordfrankreich tagelang die Häfen Calais, Dünkirchen und Boulogne-sur-Mer aus Protest gegen die EU-Fangquoten blockiert. Die Fischer fürchten um ihre Existenz, weil ihre Quoten für Kabeljau und Seezunge im Ärmelkanal und in der Nordsee für das laufende Jahr bereits weitgehend ausgeschöpft sind. Nach der Ansicht des Pariser Agrar- und Fischereiministeriums besteht das Problem der nordfranzösischen Fischer vor allem darin, dass sie über mehr Boote verfügen, als angesichts der Quoten gerechtfertigt wäre. In ganz Frankreich wurden im vergangenen Jahr 165 Schiffe abgewrackt.

Mit ihrem Diskussionspapier will die Kommission eine breite öffentliche Diskussion über die geplante Reform der EU-Fischereipolitik anstoßen, die im Jahr 2013 in Kraft treten soll. Die letzte Reform liegt zwar erst sieben Jahre zurück; sie hat aber nach Ansicht der EU-Kommission nicht viel am Rückgang der Bestände im Meer geändert. Im Mai 2008 schlug die Brüsseler Behörde Alarm und gab bekannt, dass mittlerweile 88 Prozent der Bestände in der EU überfischt sind.

Der besorgniserregende Trend hat auch damit zu tun, dass die illegale Fischerei über lange Zeit in der EU kaum geahndet wurde. „Derzeit ermutigt die EU-Fischereipolitik weder die Fischer noch die Industrie zu verantwortungsvollem Verhalten“, sagte der Brüsseler Fischereikommissar Borg noch im vergangenen September.

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