Politik : EU-Länder nehmen mehr Flüchtlinge auf

ROM/LONDON/BERLIN (cl/AFP).Italien und Großbritannien haben sich am Dienstag zur Aufnahme mehrerer tausend weiterer Flüchtlinge aus dem Kosovo bereiterklärt.Die Regierung in Rom beschloß, 10 000 Vertriebene ins Land zu lassen.In London kündigte Innenminister Jack Straw die Aufnahme von bis zu 3 000 zusätzlichen Kosovo-Albanern an.Bisher befinden sich nur 330 Vertriebene in Großbritannien.Die Behörden wollten in den nächsten drei Wochen wöchentlich tausend Menschen einreisen lassen, sagte Straw.Vor allem Großbritannien und Spanien, aber auch Frankreich mußten sich den Vorwurf gefallen lassen, nur die Aufnahme von Flüchtlingen versprochen, nicht aber wahrgemacht zu haben.

Vor etwa zwei Wochen hatten sich die Regierungen der Europäischen Union (EU) und der USA auf die Aufnahme von insgesamt 85 000 Kosovaren geeinigt.Deutschland hat seiner Zusage entsprechend bislang 10 000 Kosovaren aufgenommen, und auch Belgien und Polen haben ihr vereinbartes Kontingent erfüllt.Selbst in Rumänien wurden am Dienstag nun 60 von insgesamt 6 000 Kosovo-Flüchtlingen aus Mazedonien erwartet.

Unterdessen wird die Lage der Flüchtlinge in den Kosovo-Anrainerstaaten Albanien, Mazedonien und Montenegro immer dramatischer.Allein im Laufe eines Tages kamen in Mazedonien rund 11 600 Flüchtlinge aus dem Kosovo an.Die deutsche Sektion des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bestätigte dem Tagesspiegel, daß die Auffanglager in Mazedonien mit mehr als 200 000 Vertriebenen inzwischen völlig überfüllt seien.Allein im Grenzort Blace warten etwa 9 000 Menschen auf ihre Evakuierung aus dem Lager.In der Hauptstadt Skopje ist niemand mehr bereit, weitere Menschen aufzunehmen.Innerhalb von nur einer Woche strömten 21 000 Menschen in das neu eröffnete Lager in Cegrane.Seine Kapazitäten sind erschöpft.Die Regierung in Albanien erklärte sich deshalb am Dienstag erneut bereit, weitere Flüchtlinge aufzunehmen.Erst vor einer Woche hatte Tirana 100 000 aufgenommen, die in Mazedonien gestrandet waren.

Das UNHCR schickte am Dienstag erstmals auch Flüchtlinge nach Kanada.Bislang hatten sich die Vertriebenen nach UNCHR-Angaben meist dazu entschlossen, in Europa zu bleiben, um nach der Beendigung des Terrors schnell wieder in die Heimat zurückzukehren.Die vorläufige Ausreise nach Übersee kann nur mit Zustimmung der Flüchtlinge erfolgen, betont das UNCHR.In den nächsten Tagen sollen auch Maschinen nach Australien und in die USA starten.

Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hatte am Montag erneut bekräftigt, notfalls weitere 10 000 Vertriebene aus den Krisengebieten vorübergehend in Deutschland aufzunehmen.Nach einer Schaltkonferenz konnte er jedoch am Dienstag die Innenminister vorerst nicht dazu bewegen, weitere Flüchtlinge aufzunehmen.Bei den Unionspolitikern hatte der Vorstoß von Schily Unverständnis ausgelöst, da er noch am Freitag mit seinen Länderkollegen übereingekommen war, daß zunächst die europäischen Nachbarn in der Pflicht stehen.Ein Sprecher des bayerischen Innenministers Beckstein (CSU) sagte dem Tagesspiegel: "Es kommt auf die gesamteuropäische Solidarität an.Herr Schily sollte im Halbjahr der deutschen EU-Ratspräsidentschaft die Europäer an ihre Verantwortung erinnern, bevor Deutschland die Last allein trägt."

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