EU-Parlament : Mister Europa aus Würselen

EU-Parlamentspräsident Schulz war im Privatleben fast am Ende – nun wird er womöglich Chef in Brüssel.

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Siegerlächeln? Martin Schulz, hier beim Gipfel des Europäischen Rats, ist seit Mittwoch Spitzenkandidat von Europas Sozialdemokraten. Foto: Julien Warnand/dpa
Siegerlächeln? Martin Schulz, hier beim Gipfel des Europäischen Rats, ist seit Mittwoch Spitzenkandidat von Europas...Foto: dpa

Er hat einen Stein in die Vitrine gelegt. Dieser Stein im Besucherzentrum des Brüsseler Europaparlaments symbolisiert für Martin Schulz Europa. Es ist ein Stein aus der Grenzanlage, die einst seine Heimatstadt Würselen bei Aachen vom Örtchen Heerlen auf der niederländischen Seite trennte. Jetzt braucht es keine Steine mehr.

Heute braucht es Männer und Frauen, die diese fast sechs Jahrzehnte alte Idee neu verteidigen, weil das real existierende Europa viel von seinem Glanz verloren hat. Der SPD-Politiker Martin Schulz will einer derer sein, die „dafür kämpfen, um das Vertrauen wiederherzustellen“, wie er sagt – und das am liebsten in vorderster Front.

An diesem Mittwoch steht der 57-Jährige im dritten Stock eines Brüsseler Bürogebäudes neben dem Fahrstuhl und sammelt sich für einen kurzen Moment. Es ist „einer der wichtigsten Momente in meinem politischen Leben“, wird er kurz darauf in den überfüllten Raum hinein sagen. Europas Sozialdemokraten haben ihn eben offiziell zu ihrem Spitzenkandidaten für die Europawahl Ende Mai gekürt. Für Schulz ist es ein weiterer Schritt auf dem Weg nach ganz oben, der auf dem Stuhl des EU-Kommissionspräsidenten enden könnte. Erstmals nämlich soll es für dieses Amt eine Art Direktwahl geben, weil die Staats- und Regierungschefs laut EU-Vertrag diesmal das Ergebnis der Europawahl berücksichtigen müssen.

Davon, dass die Macht in den europäischen Institutionen allein vom Volke ausginge, kann aber weiter keine Rede sein. Das weiß auch Martin Schulz, weshalb auch er, der sonst für seinen Klartext bekannt ist, taktischer sprechen muss: „Ich kämpfe für eine Mehrheit im Europaparlament“, sagt er – vom Amt des Kommissionschefs dagegen kein Wort. Schulz wird nach der Wahl versuchen, eine Koalition um seine Person zu formen. Das letzte Wort aber haben die Staats- und Regierungschefs. „Ein Kandidat“, sagt Schulz, „braucht am Ende beide Seiten.“

Vor allem Angela Merkel. Schulz kokettiert gern damit, mit ihr gut zu können. Dass ein französischer Journalist fragt, wie denn Schulz für ein neues, sozialeres Europa werben könne, wo seine Partei daheim nun mit der Eisernen Lady der Sparpolitik koaliere, ficht ihn nicht an. Tatsächlich verbessert die sich anbahnende große Koalition in Berlin Schulz’ Chancen, was wiederum Günther Oettingers Ambitionen für eine zweite Amtszeit als EU-Kommissar schmälert.

Am heutigen Donnerstag steht das Thema Schulz bei den Koalitionsgesprächen, in die er selbst an führender Stelle eingebunden ist, auf der Agenda. Seine Genossen wollen erreichen, dass SPD und CDU „als Teil ihrer europäischen Parteienfamilien als Wettbewerber“ ins Rennen gehen, so steht es in ihrem Eckpunktepapier, und über Personalien erst nach der Europawahl gesprochen wird.

Es war sein machttaktisches Gespür, wann es sich mit wem anzulegen gilt und wann nicht, das ihn nach oben gespült hat – aus dem Bürgermeisteramt in Würselen 1994 ins Europaparlament, wo er zehn Jahre später Fraktionschef der europäischen Sozialisten wurde. Politisch berühmt hat ihn der öffentliche Schlagabtausch mit Italiens Premierminister Silvio Berlusconi gemacht, der Schulz eine Filmrolle als Leiter eines Konzentrationslagers andiente. Anfang 2012 wurde der Deutsche als Teil einer Absprache mit den europäischen Christdemokraten Präsident des Europaparlaments. Viele Unionisten schimpfen seither darüber, Schulz vertrete mehr seine Interessen. Auch sie kommen aber nicht umhin, anzuerkennen, dass der Sozialdemokrat die Sichtbarkeit der EU-Institution erhöht hat. Als Schulz vor gut einem Jahr in Oslo den Friedensnobelpreis für die Europäische Union entgegennahm, äußerte er sich anschließend geradezu fassungslos, dass gerade ihm all das geschehe.

Denn er kommt von ganz unten. Im Sommer 1980, er war 24, hatte der Alkohol ihn zuvor fast zerstört, wie Martin Schulz selbst öffentlich bekannt hat, Selbstmordgedanken inklusive. Das verletzungsbedingte Scheitern einer hoffnungsvollen Fußballerkarriere hatte dazu beigetragen, Schulden kamen noch hinzu. Doch der gelernte Buchhändler konnte sich aus dem tiefen Loch herausziehen, eröffnete einen eigenen Laden und ging in die Politik.

Vieles spricht dafür, dass der Weg für Mister Europa aus Deutschland noch nicht zu Ende ist.

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