EU-Referendum : Irland am Tag danach: Ratlos und ein bisschen trotzig

Volkes Wille werde respektiert werden, verkündete Regierungschef Cowen mit Grabesstimme. Die Möglichkeit eines zweiten Referendums ließ er aber offen.

Martin Alioth[Dublin]

„Disconnect“ – so lautet Irlands neues Modewort am Tag nach der klaren Weigerung der Wähler, den EU-Reformvertrag von Lissabon zu ratifizieren. Doch die Meinungen gehen auseinander, ob die Funkstörung das Verhältnis der irischen Bürger zu Europa betrifft oder vielleicht nicht doch die Beziehung zwischen Regierten und Regierenden in Irland selbst. Irlands Zeitungen ätzten am Samstag jedenfalls über den Gesichtsverlust der Regierung und der großen Oppositionsparteien, die allesamt auf der Verliererseite standen – und darüber offenkundig auch noch überrascht waren.

Das Boulevardblatt „Star“ setzte eine geschmacklose Montage des Premierministers Brian Cowen auf die Titelseite. Er trug schlimme Blessuren wie ein Boxer, der eben durch den Fleischwolf gedreht worden war. Während die bunte Koalition der siegreichen Gegner, die sich gegenseitig oftmals nicht ausstehen können, mehr oder weniger ausgelassen ihren Triumph feierte, zeichnete sich die offizielle Reaktion durch ohnmächtige Ratlosigkeit aus.

Cowen muss jetzt seinen europäischen Kollegen erklären, was geschehen ist. Aber er bekannte offen, er wisse auch nicht, wie es weitergehen solle. Volkes Wille werde respektiert werden, verkündete er mit Grabesstimme. Aber auf die Frage, ob er denn ein zweites Referendum kategorisch ausschließe, verweigerte er die Antwort.

Die Opposition war da weniger zurückhaltend. Labour-Chef Eamon Gilmore erklärte das Lissabonner Vertragswerk für tot, der Fine-Gael-Vorsitzende Enda Kenny, der Oppositionsführer im Parlament, sprach schwammig davon, das geschnürte Vertragsbündel womöglich noch einmal aufzudröseln. Kenny konnte sich nicht verkneifen, die Regierung für ihre verspätete Kampagne zu rügen. Die Schuldzuweisungen unter den Befürwortern haben also begonnen. Eines indessen ist auffällig: Nach dem irischen Veto gegen den Nizza-Vertrag war das Land vor sieben Jahren noch wie vom Donner gerührt gewesen. Was haben wir da angestellt? So lautete damals die von Schuldbewusstsein getränkte kollektive Frage. Das ist diesmal anders. Die Iren wollen ernst genommen werden, genau wie Frankreich und die Niederlande, wo vor drei Jahren Referenden zur EU-Verfassung ebenfalls mit einem Nein endeten.

Die Kommentare aus Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten, der Ratifikationsprozess werde ungeachtet des irischen Verdikts weitergeführt, und die Iren müssten eben schauen, wie sie zurechtkämen, stoßen auf der Grünen Insel auf Unverständnis, wenn nicht gar Zorn. Selbstbewusst wird auf die hohe Wahlbeteiligung und das klare Resultat hingewiesen. Bei der Abstimmung am vergangenen Donnerstag lag die Wahlbeteiligung immerhin bei etwa 45 Prozent – mehr als beim Nein zum Nizza-Vertrag 2001.

Die unmittelbaren Kosten des irischen Referendumsergebnisses trug der irische Buchmacher Paddy Power. Aus mysteriösen Gründen hatte das Wettbüro schon am Donnerstagabend, noch bevor ein einziger Wahlzettel gezählt war, beschlossen, die Ja-Wetten auszubezahlen – 80 000 Euro. Am Freitag wurden dann auch noch die Nein-Wetten fällig, darunter eine Einzelwette über 10 000 Euro – zu einem Preis von 5:1.

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