Politik : Euro: Dänemark stimmt ab

Ingerlise Andersen

Die Dänen, dieses lockere kleine Völkchen am nördlichsten Ende Deutschlands, stehen mal wieder im europäischen Rampenlicht. Diesmal aber nicht als friedfertige, rot-weiß-bemalte Fußball-Fans, die eine Niederlage wie einen Sieg zu feiern verstehen. Am heutigen Donnerstag sagen die Dänen bei einer Volksabstimmung Ja oder Nein zum Euro. Wenn der Fünf-Millionen-Staat im europäischen Vergleich auch winzig ist, guckt Europa gespannt hin. Denn die Dänen werden vielleicht die ersten sein, die das große, europäische Projekt für eine gemeinsame Währung ablehnen. Einen Tag vor der Abstimmung zeigten die letzten Umfragen ein enges Rennen zwischen Befürwortern und Gegnern - jeder fünfte Wähler hatte sich noch nicht entschieden.

Warum aber zweifeln die Dänen so sehr am Euro? Liegt es nur daran, dass sie das Portrait ihrer geliebten Königin Margrethe auf den Münzen nicht vermissen wollen? Obwohl das für viele Dänen auch eine Rolle spielt, und obwohl die Euro-Gegner am äußersten, rechten Rand des Parteienspektrums nationalistischen Töne anstimmen, ist das nicht der Hauptgrund. Der heißt Angst. Und mit dieser Existenzangst spielen die Befürworter wie die Gegner des Euro.

Dänemark ist eines der reichsten Länder in der EU. Es gibt kaum Arbeitslosigkeit, weil der Staat zum Beispiel Beschäftigungsprogramme bezahlt. Die Kranken werden auf Staatskosten versorgt, und die Alten bekommen ihre Rente - alles finanziert durch sehr hohe Steuern. Obwohl die Dänen unter der Steuerlast stöhnen, wollen sie diese Errungenschaften nicht verlieren. Deshalb geht die Euro-Diskussion in Dänemark nicht um den schwachen Kurs oder steigende Ölpreise, sondern hauptsächlich um die Rente.

Die Gegner behaupten, dass eine gemeinsame Währung - und damit eine gemeinsame EU-Finanzpolitik - dazu führen kann, dass Dänemark gezwungen wird, die sozialen Ausgaben zu reduzieren. Die Befürworter kontern, dass der Staat ohne den Euro die Sozialausgaben gar nicht mehr bezahlen kann, weil die Einnahmen durch Export in andere EU-Ländern sinken würden.

Das dänische Modell - ein demokratischer Wohlfahrtsstaat, wo wenige zu viel haben und noch weniger zu wenig - ist in Gefahr, wenn Europapolitiker in Brüssel mit Mehrheitsentscheidungen bestimmen können, wie viel die Mitgliedsländer für soziale Zwecke ausgeben dürfen. Oder wenn die Finanzpolitik der Länder in Frankfurt am Main entschieden wird - sagen die Euro-Gegner.

Diese sind nicht nur rechts unter den zehn dänischen Parteien zu finden. Auch andere, wie die linke Partei, die Volkssozialisten und die Christliche Partei, lehnen eine gemeinsame Währung ab. Die dänische, sozialdemokratisch-liberale Koalitionsregierung ist dagegen mit aller Macht für den Euro. Der Regierungschef, der Sozialdemokrat Poul Nyrup Rasmussen, hat dabei mehrmals Garantien für die staatliche Rente abgegeben.

Geglaubt wird ihm immer weniger. Besonders die Frauen bezweifeln, dass der Wohlfahrtsstaat mit dem Euro zu halten ist. Würde man diesmal den Männern den Urnengang verbieten, wäre eine überwältigende Mehrheit gegen die gemeinsame Währung sicher. Die politische EU-Welt interessiert sich sicher herzlich wenig für die dänischen Renten. Für sie geht es darum, ob die krisengeschüttelte europäische Währung gestützt wird oder eben nicht.

Und vielleicht auch darum, ob ein dänisches Nein den Widerstand gegen den Euro in anderen Ländern schüren könnte. Frei nach dem dänischen Märchen von Hans Christian Andersen "Des Kaisers neue Kleider". Dort hat sich der Regent von zwei Gaunern einreden lassen, dass sie ihm die feinsten Kleider der Welt genäht haben - so fein, dass er sie gar nicht spüren kann. Er marschiert damit durch die Stadt, und erst als ein kleiner Junge ruft: "Aber er hat ja gar nichts an!", sehen die Untertanen, dass der Kaiser ganz nackt ist.

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