Politik : Euro: Die Dänen sagen zuerst immer Nein, heißt es in Brüssel

Thomas Gack

Am Tag danach hält sich in Brüssel die Enttäuschung in Grenzen. Von Katzenjammer war am Freitagmorgen auf den Korridoren der EU-Behörde an der Rue Belliard und im mamorglänzenden Gebäude des EU-Ministerrats, wenige Schritte entfernt, wenig zu spüren. Man gab sich gelassen und ging zur Tagesordnung über. Im Pressezentrum war der Müll der großen Referendums-Party vom Vorabend längst weggeräumt, als der Sprecher der EU-Kommission bei der üblichen mittäglichen Pressekonferenz die inzwischen geradezu rituellen Bekenntnisse zum "starken Euro" müde und einsilbig wiederholte - Pflichtübung eines beamteten Gesundbeters.

Schon in der langen Nacht des Dänen-Referendums war wohl keiner so richtig überrascht, als die ersten Hochrechnungen einen Sieg der Euro-Gegner ankündigten. Die Umfragen der vergangenen Wochen hatten ein "Nein" erahnen lassen. Erst in den letzten 48 Stunden vor dem Urnengang war die Spannung wieder etwas gestiegen, als die Meinungsinstitute einen kräftigen Zugewinn der Euro-Befürworter registrierten und ein "Kopf-an-Kopf-Rennen" voraussagten. Doch als am Donnerstagabend nach Auszählung fast der Hälfte der Stimmen sich das Ergebnis 47 zu 53 verfestigte, schaute im Gedränge der Dänen-Party im Untergeschoss der EU-Kommission kaum einer noch auf die Bildschirme. Wer nicht an seinem Laptop arbeitete, griff nach dem dänischen Tuborg, das in immer neuen Kistchen angeschleppt wurde - abwarten und Bier trinken.

Denn wer mit der europäischen Politik und den dänischen Stammeseigenheiten vertraut war, der wusste: Die Dänen sagen am Anfang immer Nein. Später kommen sie dann doch - verspätet - dazu. Das war schon so beim EU-Beitritt, und das war so beim Maastrichter Vertrag: Zuerst ein Nein, dann nach einer Ehrenrunde für die nationale Unabhängigkeit beim zweiten Anlauf doch ein Ja.

Noch in der Nacht zum Freitag gab der Präsident der EU-Komission in professoraler Nüchternheit eine Erklärung ab, die offenbar in Absprache mit den 15 Regierungen längst vorbereitet war. Denn die Finanzminister, die am Freitag zum EU-Ministerrat nach Brüssel kamen, sagten - jeder für sich - die fast gleichen Sätze in die Mikrofone: "Wir respektieren das Votum der dänischen Bürger natürlich, aber wir bedauern es." Alle seien glücklich, dass die Krone nach dem erklärten Willen der dänischen Regierung weiter im Wechselkurssystem EWS II bleibe und damit weiter an den Euro angekoppelt sei. "Die Tür für die Dänen bleibt offen", sagte Prodi. Immerhin, so konnte man am Freitag schließen, sprechen die Europäer mit einer Stimme, wenn etwas schief gelaufen ist.

Denn dass ein klares Bekenntnis der vier Millionen Dänen der gemeinsamen Währung neuen Schub gegeben und den Wechselkurs des Euro auf den Weltmärkten stabilisiert hätte, konnten weder Prodi, noch die kühl reagierenden Finanzminister leugnen. "Genützt hätte ein Ja schon", ließen die Finanzminister am Freitag wissen. "Der Währungsunion schadet aber auch das Nein nicht", waren sich alle einig, von Finanzminister Hans Eichel über den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) Wim Duisenberg bis zu den Europaabgeordneten Christa Randzio-Plath (SPD) und Karl von Wogau (CSU), die beide als Währungsexperten gelten.

Für die Euro-Befürworter in Großbritannien und Schweden allerdings, so gab Finanzminister Eichel am Freitag zu, sei die Entscheidung in Dänemark "erst einmal ein Dämpfer". Doch auch dies nimmt man in Brüssel mit Gelassenheit hin. In Schweden wird frühestens im Jahr 2005 über den Beitritt zur Euro-Zone abgestimmt. In Großbritannien auch erst nach den nächsten Parlamentswahlen.

Probleme wird nach dem Urteil der Experten nicht die Währungsunion der zwölf Euro-Länder bekommen, sondern vermutlich zunächst einmal Dänemark selbst. Bundesfinanzminister Eichel ist sogar der Meinung, dass die Dänen ihrem stark ausgebildeten Sinn für Souveränität einen Bärendienst erwiesen haben. Denn künftig werden sie zwar weiter an den Euro gebunden bleiben - in den Entscheidungsgremien der Europäischen Zentralbank und der Eurogroup der Finanzminister werden sie aber nicht vertreten sein.

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