Euro-Einführung : Estland nimmt Abschied von der Krone

Estland ist ein vorbildliches Neumitglied: Als 17. Land führt der Baltenstaat mit dem Jahreswechsel den Euro ein – anders als andere erfüllt er alle Stabilitätskriterien.

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Der Euro kommt. Andres Lipstok, Chef der estländischen Zentralbank, sitzt bei der Eröffnung einer Euro-Ausstellung in Tallinn vor Bildern der estländischen Euro-Münze.
Der Euro kommt. Andres Lipstok, Chef der estländischen Zentralbank, sitzt bei der Eröffnung einer Euro-Ausstellung in Tallinn vor...Foto: dpa

„Willkommen Euro!“, lächelt ein Storch auf einem Prospekt. Statt eines Neugeborenen aber hält er eine 1-Euro-Münze mit den Umrissen Estlands in seinem Schnabel. Doch Galina R. ist nicht zum Lachen zumute. Im eisigen Wind steht die Rentnerin auf dem Zentralen Markt der 15 000-Einwohner-Stadt Valga und bietet halbverschneite Unterwäsche an. Männerslips kosten 20 estnische Kronen oder 1,28 Euro, wie sie mit zittriger Schrift auf ein Zettelchen geschrieben hat. „Dieser Euro bringt uns nur Schlechtes“, klagt sie, „alles wird teuerer, und wie immer trifft es vor allem uns Arme“. Die Geschäfte würden ihre Preise gleich zweimal erhöhen, einmal vor und einmal nach der Euro-Einführung. Doch die jugendliche Bettwäscheverkäuferin Olga widerspricht: „Wir hatten schon viele Währungen, ich habe keine Angst“, sagt sie trotzig.

Während ganz Europa von einer Euro-Krise spricht, wird Estland zum Neujahr als 17. EU-Mitglied die Gemeinschaftswährung einführen. Im Unterschied zu seinen baltischen Nachbarn und vielen EU-Mitgliedern hat Estland bereits im Sommer 2008 mit dem Sparen begonnen. Die Regierung des 1,3-Millionen-Einwohner-Staates setzte schon früh drastische Ausgabenkürzungen durch, die Beamtengehälter wurden 2009 um zehn Prozent gekürzt. Die Privatwirtschaft zog mit Lohnkürzungen von bis zu 20 Prozent nach. Estland schaffte es damit, die Staatsverschuldung auf die europaweite Rekordmarke von nur acht Prozent zu drücken. Da auch die beim ersten Versuch vor drei Jahren noch problematische Inflationsrate diesmal deutlich unter drei Prozent verharrte, wurden im Juni sämtliche Kriterien erfüllt.

Die Einwohner der südlichen Grenzstadt Valga, die 1920 vom damaligen Völkerbund zwischen Lettland und Estland aufgeteilt worden war, sind davon weniger begeistert als im Landesdurchschnitt. Laut jüngsten Umfragen wollen 54 Prozent aller Esten den Euro; in der von 13 Prozent Arbeitslosigkeit für estnische Verhältnisse schwer gezeichneten Gemeinde befürwortete in einer Internetabstimmung der Lokalzeitung „Valgamaalane“ nur jeder Dritte die neue Währung.

Im Euro-Informationszentrum des Gemeindehauses gibt man sich dennoch optimistisch. Nett gestaltete Broschüren auf Estnisch und Russisch liegen aus, eine Sitzecke lädt zum Verweilen. Informationschefin Marika Muru kramt jenen kleinen gelben Taschenrechner hervor, den jeder estnische Haushalt per Post zugeschickt bekommen hat und erklärt, wie einfach doch alles sei. Jeder Kronen-Preis verwandelt sich per Tastendruck in Euro. „So kann jeder sofort prüfen, ob er 2011 wirklich für das Gleiche mehr bezahlt“, lächelt Muru. Dem Euro würden viele einzig vorwerfen, er nähme viel mehr Platz im Geldbeutel ein, sagt sie. Die bisherige „Eesti Kroon“ ist eine Papierwährung; Münzen sind fast keine mehr im Umlauf.

„Wir Esten sind vor allem praktisch denkende Menschen“, bestätigt der Soziologe Jüri Köre in der benachbarten Universitätsstadt Tartu. Natürlich gäbe es eine große Nostalgie für die Krone, die sich 18 Jahre als stabile Währung bewährt habe, doch wer in Europa herumreise, merke schnell, dass das ewige Geldtauschen mühsam und kostspielig sei. „So wie viele Deutsche der D-Mark nachtrauern, werden wir Esten die Krone bestimmt nicht vermissen“, ist Köre überzeugt. „Wir Esten sind praktisch denkende Leute“.

Zumindest die Neugier auf den Euro ist auch in Valga groß. In der Swedbank-Niederlassung gingen die per Anfang Dezember aus der fernen Hauptstadt Tallinn angelieferten Euro-Münzsäckchen wie frische Semmeln weg – 1600 Stück in nur vier Tagen. Nun würden das „Euro-Starterkit“ vor allem von Teenagern als Weihnachts- und Neujahrsgeschenk für Eltern und Großeltern gekauft, erzählt Filialleiterin Anni Lillepea. Der Wechsel vom Rubel zur Krone nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion sei jedoch eine traumatische Erfahrung für viele Esten, sagt Lillepea. Zuerst sei alles gut gegangen, doch bereits im Herbst habe man mit dem Geld fast nichts mehr kaufen können – es sei denn für Rubel auf der andern Stadtseite.

Heute befindet sich das lettische Valka in der schwierigeren Situation als die estnischen Nachbarn. Lettland leidet unter allen EU-Mitgliedern am meisten unter der Wirtschaftskrise. Kein Wunder, ist auch die Arbeitslosigkeit im lettischen Stadtteil mit 17,5 Prozent deutlich höher. „Die Esten sind bedächtige Leute, doch was sie sich vornehmen, gelingt“, meint eine junge Passantin unweit des Fußgängergrenzübergangs anerkennend. „Den Euro einzuführen, das schaffen nur Prachtkerle.“

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