Euro-Krise : Mit Dummheit Geld machen

26.09.2011 11:03 UhrVon Harald Schumann

Unser Autor beschreibt, wie er aus Zorn über die Politik in der europäischen Schuldenkrise zum Spekulanten wurde. Wem nutzt die Euro-Rettung wirklich?

  • Griechenland muss sparen - und sich von mehreren staatlichen Unternehmen trennen. Unternehmen im Wert von schätzungsweise 280 Milliarden Euro befinden sich noch im Staatsbesitz.... - Foto: dpa
  • Die Fluggesellschaft Olympic Airlines wurde bereits im Herbst 2009 privatisiert. Nur die Hälfte der Belegschaft wurde von der neuen Gesellschaft übernommen, fast 4000 Mitarbeiter... - Foto: Wikipedia
  • Das Telekommunikationsunternehmen OTE gehört zu einem Großteil schon seit 2008 der Deutschen Telekom. Der griechische Staat hält noch 20 Prozent der Aktien. Weitere zehn Prozent... - Foto: dpa

5. DER PLAN DER FRÖSCHE

So endete der von Schäuble und Merkel versprochene „substanzielle Beitrag“ der privaten Kreditgeber zur Sanierung der griechischen Staatsfinanzen in einer Farce. Als die Regenten der Euro-Zone am 21. Juli in Brüssel zusammenkamen, um weitere 100 Milliarden Euro Kreditnachschub für Athen zu verabschieden, saß Bankenlobbyist Ackermann wie selbstverständlich mit am Tisch des zentralen Gesetzgebungsorgans der EU. Das sprach zwar allen demokratischen Prinzipien Hohn, aber es hatte seine innere Logik. Schließlich sollte die Finanzbranche einen „freiwilligen“ Beitrag leisten. Darum war konsequenterweise der globale Lobbyverband IIF beauftragt worden, ein Konzept vorzulegen, um die Teilnahme für die Betroffenen attraktiv zumachen. Einen solchen Plan der Frösche zur Trockenlegung des Sumpfes konnte aber niemand besser verklären als deren Chef selbst. Folglich wurde der IIF-Plan Teil des offiziellen Griechenland-Freikaufprogramms, und Ackermann durfte mit dem Segen der Regierungschefs verbreiten, die Banken würden auf 21 Prozent ihrer Forderungen verzichten und Griechenland 37 Milliarden Euro erlassen. Tatsächlich wird kein Inhaber griechischer Staatschuldpapiere auch nur einen Cent verlieren. Denn im Angebot ist lediglich der Umtausch der bis 2020 fällig werdenden Griechenland-Anleihen mit einer durchschnittlichen Verzinsung von als vier Prozent gegen neue Schuldverschreibungen mit Laufzeiten von 30 oder 15 Jahren, die zwar auch von Griechenland bezahlt werden sollen, aber von allen Euro-Staaten gemeinsam garantiert werden. Dabei sollen die Nennwerte um 20 Prozent gekürzt werden. Doch dieser scheinbare Verlust wird durch eine umso höhere Verzinsung von 6,42 Prozent wieder ausgeglichen. Das bedeutet: Die alten Anleihen, die nur Zinsen von drei bis vier Prozent bringen und wegen der erwarteten Pleite längst für weniger als 60 Prozent ihres ursprünglichen Wertes gehandelt werden, können mit einem Kursgewinn von 25 Prozent umgetauscht werden. Und zwar gegen Papiere mit höchster Bonität („Triple-A“), die so sicher sind wie Bundesanleihen, aber drei mal so viel Ertrag bringen – ein erstklassiger Deal. Für seine Klientel ist

Ackermann jeden Cent seines Neun-Millionen-Euro-Gehaltes wert.

Tagebucheintrag: Montag, 22. August 2011

Der griechische Staatsbankrott ist vertagt, und ich verdiene daran. Heute hat mir die Staatskasse in Athen 20 000 Euro überwiesen, weil meine Anleihe fällig war. Das hat mir 1210 Euro Gewinn beschert, einfach so. Abzüglich Steuern und Börsenspesen bleiben mir 784 Euro, aber meinen Ärger beseitigt das nicht. Ich spende das Geld an die Organisation „Lobbycontrol“, die bei der Offenlegung und Abwehr des Einflusses wirtschaftlicher Macht auf die Politik gute Arbeit leistet. Offenkundig brauchen wir mehr davon.

6. ES GEHT WEITER

Doch für die Sicherung der europäischen Gemeinschaftswährung brachte auch dieser Gipfel keine Gewissheit. Statt eine langfristige Lösung für die Stabilität der Euro-Zone zu entwickeln, haben die Regierungen de facto beschlossen, die Krise weiter eskalieren zu lassen, bevor sie etwas tun wollen. Es gibt keinen Plan, der es Griechenland, Irland und Portugal erlauben würde, ihre Schuldenlast wirklich zu mindern und ihre Wirtschaft auf Wachstumskurs zu bringen. Erst recht unklar ist, was geschieht, wenn auch Spanien, Belgien und Italien keine Kredite mehr zu bezahlbaren Konditionen bekommen und der bestehende Rettungsschirm nicht ausreicht. Nur eines ist klar: Ein Schuldenerlass wird kommen, und sei es durch chaotische Staatspleiten. Besser wäre, wenn Merkel, Schäuble und ihre Partner einen Plan für ein geordnetes Insolvenzverfahren von Euro-Staaten entwickeln. Neben einer internationalen Gläubigerkonferenz bedarf es eines Konzepts, wie das Zahlungssystem in den Krisenstaaten intakt gehalten wird, wenn die Banken infolge des Wertverlusts der Staatsanleihen insolvent werden. Für Schäuble kann dies so abwegig nicht sein. „Die Möglichkeit einer staatlichen Insolvenz muss grundsätzlich bestehen bleiben“, hatte er im März 2010 geschrieben, als die Euro-Krise noch überschaubar war.

Tagebucheintrag: Mittwoch, 7. September 2011

Ich habe es wieder getan. Bei einem Kurs von 64 Prozent habe ich wieder für 6400 Euro griechische Staatsschulden im Nennwert von 10 000 Euro gekauft, die im nächsten Jahr am 20. März zur Rückzahlung anstehen. Ich gebe zu, dieses Mal habe ich ein Risiko. Es kann sein, dass Griechenland seine Sparauflagen nicht erfüllt, und die Euro-Staaten den Kredithahn zudrehen. Aber bisher hatte unsere Kanzlerin vor den reichen Gläubigern insolventer Banken und Staaten immer noch mehr Angst als vor dem Zorn ihrer Wähler. Darum bin ich mir sicher: Angela Merkel wird mir das Geld schon irgendwie beschaffen. Dafür zahle ich schließlich Steuern.

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