Euro-Krise : „Obama sucht nach einem Sündenbock“

Die Länder der Euro-Zone streiten über den Sparkurs von Angela Merkel. Im Interview erklärt US-Ökonom Jeremy Rifkin, was er von der Austeritätspolitik hält - und von den ständigen Mahnungen aus Washington an die Europäer.

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Die Euro-Krise hat zu einer Grundsatzdebatte geführt: Wo soll das Wachstum in den Ländern der Gemeinschaftswährung herkommen?
Die Euro-Krise hat zu einer Grundsatzdebatte geführt: Wo soll das Wachstum in den Ländern der Gemeinschaftswährung herkommen?Foto: AFP

Herr Rifkin, ist der Sparkurs richtig, den Bundeskanzlerin Angela Merkel den übrigen Staaten der Euro-Zone verordnet hat?

Wir brauchen Austerität. Aber der Sparkurs muss gewissen Prinzipien folgen, so dass der europäische Traum nicht unterminiert wird. Der europäische Traum beruht erstens auf der hohen Lebensqualität – und die muss auch künftig gewährleistet sein. Niemand darf zurückgelassen werden. Zweitens darf das Modell der sozialen Marktwirtschaft nicht untergraben werden. Und drittens darf eine nachhaltige Entwicklung nicht gefährdet werden. Wenn man all das berücksichtigt, sind Kürzungen durchaus denkbar. Allerdings sind die Euro-Länder gegenüber den Finanzmärkten in der Zwickmühle: Erst verlangen die Märkte Etatkürzungen. Aber sobald diese Kürzungen umgesetzt werden, stellen die Märkte die Länder erneut an den Pranger – diesmal wegen fehlender Wachstumsimpulse.

In Deutschland glauben viele, dass die übrigen Euro-Länder einfach nur Reformen nach dem Vorbild der Agenda 2010 von Ex-Kanzler Gerhard Schröder umsetzen müssten, um durch die Krise zu kommen.

Wir alle wissen, dass derartige Reformen eine wesentliche Bedeutung haben. Aber sie sind nicht ausreichend. Denn das Problem ist doch folgendes: Wenn die Energiepreise steigen und die Infrastruktur Lücken bekommt – wie soll man dann am Ende einer industriellen Ära überhaupt für Wachstum sorgen?

Jeremy Rifkin gehört zu den wichtigsten US-Intellektuellen. Von ihm stammt unter anderem der Bestseller "Der Europäische Traum".
Jeremy Rifkin gehört zu den wichtigsten US-Intellektuellen. Von ihm stammt unter anderem der Bestseller "Der Europäische Traum".Foto: Kai-Uwe Heinrich

Was schlagen Sie vor?

Die Diskussion dreht sich jetzt darum, wie ein Plan für mehr Wachstum in Europa aussehen und wie Europa den nächsten Integrationsschritt gehen kann. Die nächste Stufe in der europäischen Integration wird vom Übergang zu einer dritten industriellen Revolution geprägt sein. Die Kanzlerin hat sich auf dieses Ziel verpflichtet. In Deutschland folgt auf die Internet-Revolution jetzt die Revolution der erneuerbaren Energien. In der EU gibt es 500 Millionen Verbraucher. Hinzu kommen weitere 500 Millionen Konsumenten in den Partnerschafts-Regionen der EU. Kein anderer Binnenmarkt in der Welt hat ein größeres Potenzial für das Post-Karbon-Zeitalter. Der nächste Schritt in der europäischen Integration wird also darin bestehen, in diesem Binnenmarkt in jeder Stadt, in jedem Vorort und in allen ländlichen Regionen eine Energie-Infrastruktur zu errichten – so wie Deutschland seinerzeit etwa mit der Konstruktion des Automobils zur zweiten industriellen Revolution beigetragen hat.

US-Präsident Barack Obama fordert, dass die Europäer endlich ihre Schuldenkrise in den Griff bekommen sollen. Sind seine Mahnungen berechtigt?

Zum Teil sucht Obama nach einem Sündenbock. Obama hat Milliarden Dollar aus US-Steuergeldern in den vergangenen vier Jahren für Konjunkturprogramme ausgegeben. Allerdings floss das Geld in Projekte in unterschiedlichen Bundesstaaten, die untereinander keine Verbindung hatten. Amerikas Probleme haben ihren Ursprung weit vor der Euro-Krise – sie begannen in den späten achtziger Jahren. Damals wurde der Fehler gemacht, die Globalisierung allein auf der amerikanischen Kaufkraft aufzubauen. Was fehlte, war ein wirtschaftlicher Paradigmenwechsel – also eine neue Art der Produktivität.

Das Gespräch führte Albrecht Meier.

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