Euro-Krise : Wenn der Traum platzt

Die Bundesregierung sagt den Spekulanten den Kampf an: Deutschland hat ungedeckte Leerverkäufe auf europäische Staatsanleihen verboten. In der EU sind nicht alle begeistert davon. Was bringt das Verbot?

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Die Bundesregierung sagt den Spekulanten den Kampf an: Die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin) hat ungedeckte Leerverkäufe und ungedeckte Kreditausfallversicherungen auf europäische Staatsanleihen verboten. Damit will sie verhindern, dass Spekulanten den Markt für Staatsanleihen manipulieren.

Was genau sind Leerverkäufe?
Länder leihen sich Geld über Staatsanleihen. Dafür zahlen sie den Anlegern Zinsen. Die Zinsen sind umso höher, je weniger die Käufer der Anleihen davon überzeugt sind, dass das Land seine Schulden eines Tages auch zurückzahlen wird. Und je höher die Zinsen, desto niedriger sind die Kurse für die Anleihen, weil weniger Leute sie kaufen wollen. Investoren können an diesen Kursbewegungen viel Geld verdienen, wenn sie Leerverkäufe mit Staatsanleihen tätigen. In diesem Fall wetten die Spekulanten darauf, dass die Anleger einem Land immer weniger vertrauen und die Kurse weiter sinken.

Ein sogenannter gedeckten Leerverkauf könnte etwa so aussehen: Händler A leiht sich von Händler B ein Papier, zum Beispiel eine Staatsanleihe. Das Papier hat einen Wert von zehn Euro. A zahlt B eine Leihgebühr von einem Euro. Anschließend verkauft er das Papier für zehn Euro an der Börse. Irgendwann muss A das Papier an den Verleiher zurückgeben. Dafür muss er es sich aber erst einmal wieder an der Börse beschaffen. Ist der Preis für das Papier in der Zwischenzeit auf acht Euro gefallen, streicht Händler A die Differenz von zwei Euro ein. Zieht man davon noch den Euro Leihgebühr ab, hat A einen Euro Gewinn gemacht – ohne auch nur einen einzigen eigenen Cent eingesetzt zu haben.

Bei einem ungedeckten Leerverkauf leiht sich der Händler das Papier nicht einmal. Er verkauft es sozusagen auf gut Glück, denn nach dem Wertpapierhandelsgesetz muss er die Ware erst ein paar Tage nach dem Verkauf liefern. Also kauft er sie auch erst später. Ist in diesem Zeitraum der Wert des Papiers gesunken, profitiert der Händler wiederum von der Differenz und muss nicht einmal eine Gebühr bezahlen. Das Problem: Wenn viele Akteure zugleich ungedeckten Leerverkäufe tätigen, kann es passieren, dass viel mehr Papiere verkauft werden, als tatsächlich vorhanden sind. Und dann geht die Wette der Spekulanten ganz schnell in Erfüllung: Der Kurs der Staatsanleihe sinkt rapide und die Zinsen, die das Land bezahlen muss, um sich Geld zu leihen, schießen in die Höhe.

Was sind Kreditausfallversicherungen?
Eine andere Möglichkeit für Spekulationen bieten die Kreditausfallversicherungen, auf Englisch: Credit Default Swaps, kurz CDS. Sie sind nichts anderes als Versicherungen. Inhaber von Staatsanleihen können sich damit gegen den Fall absichern, dass das Land pleitegeht und sie ihr Geld nie wiedersehen. CDS können aber auch von Spekulanten gekauft werden, die gar keine Staatsanleihen besitzen. Sie wetten darauf, dass die Anleger Vertrauen verlieren und sich mit CDS absichern wollen. Je mehr Versicherungen gekauft werden, desto stärker steigt ihr Preis. Das Problem: Je höher die Kurse der CDS steigen, desto größer ist die Angst unter den Anlegern zu glauben, dass das Land pleitegehen könnte. Und desto höher wiederum sind die Zinsen für die Staatsanleihen.

Wie sieht das Verbot aus?
Die Bafin hat nun verfügt, dass Kreditausfallversicherungen auf europäische Staatsanleihen nur noch dann abgeschlossen werden dürfen, wenn der Versicherungsnehmer die Staatsanleihe auch tatsächlich besitzt. Zudem hat die Bafin ungedeckte Leerverkäufe mit europäischen Staatsanleihen – und mit den Aktien von zehn großen deutschen Finanzkonzernen, darunter die Deutsche Bank, die Deutsche Börse und die Commerzbank – untersagt. Die Finanzaufsicht will damit verhindern, dass Spekulanten gegen die Aktienkurse dieser Institute wetten und das Finanzsystem damit ins Wanken bringen könnten. Diese Entscheidung begründet aber noch kein neues Gesetz, sondern nur eine Art Vorsichtsmaßnahme in der aktuellen Marktlage. Alle Verbote gelten darum nur bis zum März 2011.

Was bringen die Verbote?
Wie bei jeder Regulierungsidee gibt es in der Finanzwelt Befürworter und Gegner. Karl-Heinz Boos, Geschäftsführer beim Bundesverband der öffentlichen Banken, sagt: „Wir begrüßen das Verbot, weil wir davon ausgehen, dass damit in der gegenwärtigen Situation Spekulationen gegen die angeschlagenen Euro-Staaten eingedämmt werden können.“ Jörg Rocholl, Professor an der European School of Management and Technology, ist hingegen skeptisch: „Ich halte es für ökonomisch fragwürdig, ungedeckte Leerverkäufe zu untersagen.“ Die Märkte könnten dann erst recht glauben, dass es einen triftigen Grund gibt, misstrauisch gegenüber den entsprechenden Anlagen zu sein. „Das Problem der steigenden Zinsen für Staatsanleihen wird man nur dann in den Griff bekommen, wenn man die Verschuldung der Staaten in den Griff bekommt“, sagt Rocholl.

Hinzu kommt: Wenn nur Deutschland den Handel mit ungedeckten Leerverkäufen verbiete, würden Anleihen und Kreditversicherungen in anderen Ländern trotzdem weiter gehandelt werden. Die britische Finanzaufsicht hat am Mittwoch bereits erklärt, dass sich das deutsche Verbot ihrer Ansicht nach nicht auf den Handel bezieht, den deutsche Institute in Großbritannien betreiben. Ohnehin werden Staatsanleihen meistens außerhalb der Börse, direkt zwischen den Investoren gehandelt. Das nennt man Over-the-Counter-Handel. Diesen Handel könne die Finanzaufsicht aber nur schwer überprüfen, meint Rocholl.

Wie haben die Märkte reagiert?
Die Entscheidung der Bafin hat an den Märkten für Verunsicherung gesorgt. Nachdem die Aktienkurse in New York und Asien bereits nachgegeben hatten, fiel in Frankfurt der Dax unter die psychologisch wichtige Marke von 6000 Punkten. Der Euro fiel auf ein Vier-Jahres-Tief von 1,2146 Dollar. „Das Leerverkaufsverbot war jetzt wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, sagt LBBW-Aktienstratege Steffen Neumann. Zuvor hatten Spekulationen um die Einführung einer Transaktionssteuer für Aufregung gesorgt. „Es herrscht Unsicherheit, was noch an Regulierung kommen kann, deshalb stellen sich die Investoren erst einmal an die Seitenlinie und machen Kasse“, meint Postbank-Aktienstratege Heinz-Gerd Sonnenschein.

Ziehen andere Staaten nach?
Spaniens Ministerpräsident Zapatero signalisierte am Dienstag Unterstützung für den Kurs der Bundesregierung. Auch in Österreich und Belgien werden ähnliche Maßnahmen diskutiert. Aus Frankreich hingegen kam Kritik an dem Alleingang der Bundesregierung. Auch die EU-Kommission zeigte sich irritiert. In Brüssel und Paris wünscht man sich ein gemeinsames Vorgehen. Kommissionspräsident Manuel Barroso sagte allerdings, die Euro-Zone sei sich einig, dass missbräuchliche Leerverkäufe bekämpft werden müssten. Das Thema soll nun am Freitag am Rande der EU-Finanzministerrunde auf den Tisch kommen.

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