Politik : Eurobarometer: Der Charme der Legitimation (Kommentar)

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Ach, Europa! Wo ist dein Charme geblieben? Nur eine knappe Hälfte der Bürger sieht die EU-Mitgliedschaft als vorteilhaft an. Kämpferische Begeisterung ruft die Einigung des Kontinents längst nicht mehr hervor. Dafür liegt der Krieg zu weit zurück. Reisefreiheit und Binnenmarkt werden nicht mehr als Gewinn gesehen, sind selbstverständlich geworden. Doch warum so viel Ablehnung? Erklärungen liefern die Demoskopen nicht mit. Aber beim Blick auf den Zeitpunkt der Umfrage sind die Gründe kein Geheimnis. Ende April, Anfang Mai: Da überwogen die Zweifel an den Österreich-Sanktionen, die gute Absicht war in Vergessenheit geraten. Und der Kursverfall des Euro war ins allgemeine Bewusstsein gelangt. Fischer und Chirac hatten ihre zündenden Europa-Reden noch nicht gehalten. Lässt sich die miese Stimmung wenden? Ja. Der Besuch der "drei Weisen" am Freitag in Wien weckt die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Österreich-Boykotts. Die Euro-Schwäche kann die Kommission zwar nicht rasch beheben, aber mittelfristig dürfte sich die Währung erholen. Nach mageren Jahren darf Europa wieder mit ordentlichem Wachstum rechnen. Mit der Osterweiterung kann die EU zwar keine Sympathien gewinnen; da muss sie vielmehr kämpfen und die Bürger von der historischen Aufgabe überzeugen. Zustimmung verspricht aber ein anderes Projekt: Mehr als zwei Drittel wünschen eine europäische Verfassung. Sie könnte Europa Charme durch Legitimation verleihen.

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