Eurokrise : Ein borniertes Europa ohne Zwitterwesen

Die Deutschen stauben in der Griechenlandkrise abgegriffene Südeuropa-Klischees ab - aus enttäuschter Liebe, meint unsere französische Kolumnistin.

von
Um ein schöneres Bild von den Griechen bemüht sich zumindest die Markthalle Neun in Berlin und lädt zum griechischen Wochenende ein.
Um ein schöneres Bild von den Griechen bemüht sich zumindest die Markthalle Neun in Berlin und lädt zum griechischen Wochenende...Foto: Stephanie_Pilick/dpa

Ach ja, ich hatte mich darauf gefreut, diese sommerliche Glosse den Fundstücken zu widmen, die ich zufällig in Berlin aufstöbere, wenn ich mit dem Rad in unbekannte Stadtviertel vorstoße … aber wie eine Granate hat die griechische Krise die strikte Reihenfolge meiner Touren gesprengt. Wie kann man einen kühlen Kopf behalten, angesichts einer solchen Schlammschlacht mit primitiven Klischees, wie sie sich die Europäer, außer Rand und Band, liefern.

Auf die Idealisierung folgt zwingend die Enttäuschung, der Sturz, umgekehrt proportional zur Höhe des Podests, auf das man den anderen gestellt hat. Die Deutschen haben dafür ein besonderes Talent. Erinnern Sie sich an Italien? Berlusconi geliftet, Korruption allerorten, Bunga-Bunga-Orgien. Große Empörung bei der Toskana-Fraktion und all denen, die in Bella Italia den Spiegel all dessen sahen, was die nicht gerade vor Selbstliebe strotzenden Deutschen nicht waren: heißblütige Südeuropäer – sie wissen, wie man lebt, liebt, isst, trinkt. Und die Schönheit ihrer Städte! Die dunklen Silhouetten der Zypressen in der lombardischen Ebene!

Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Die Inseln, die Sonne, die Olivenhaine - die Faulenzer, die Lügner, die Parasiten

Nach Italien dann Griechenland mit dem gleichen Vorher-Nachher-Szenario. Vorher: die Inseln, die Sonne, die Olivenhaine, das Glas Ouzo und der Pulposalat auf der Terrasse der Taverne … Wiege der Demokratie, dazu das edle Altgriechisch, Trumpfkarte jedes Bildungsbürgers mit Selbstachtung. Nachher: ein Volk von Filous, Faulenzern, Lügnern. Als skrupellose Parasiten ernähren sie sich von uns fleißigen, tugendhaften, sparsamen Steuerzahlern. Vorher: amour fou. Nachher: Verachtung.

Dieses Club Med-Land, sagte diese Woche eine Nachbarin von oben herab. Sie stellte eine Liste auf: Griechenland auf Platz eins, gefolgt von Italien, Spanien, Portugal. Und warum nicht Frankreich, wenn Sie schon dabei sind?, dachte ich, während ich sie sprachlos anstarrte. Ja, Frankreich, davon kann ich ein Lied singen. Jahrzehnte lang konnte alles, was sexy, intellektuell, elegant, raffiniert, geschmackvoll war, nur französisch sein. Gauloises, Rotwein, Piaf, Baguette, hübsche Frauen. Leben wie Gott in Frankreich, das will etwas heißen! Und dann, Cut!, fegt seit ein paar Jahren ein Tornado von Kritik und Spott über mein Land. Wie haben sich die Deutschen ins Fäustchen gelacht – diese geilen Präsidenten und ihre hinreißenden Mätressen! Und wie hat man mit dem Finger auf unsere Unfähigkeit gezeigt, Reformen durchzusetzen und unsere Gewerkschaften zu zähmen!

In der deutschen Wut auf die Griechen steckt so viel Zorn, so viel Verbitterung

So viel Zorn, so viel Verbitterung, wenn man erkennt, dass das stark idealisierte Bild des anderen nicht seiner Wirklichkeit entspricht. Nur unter Schmerzen gibt man seine Illusionen auf. Umso mehr, als die Länder des Club Med für die Deutschen lange Zeit wie eine Erlösung wirkten. Hier konnten sie einmal aus ihrer Haut schlüpfen. Sie bewunderten diese Genussmenschen, diese in das Leben Verliebten. Und sich selbst verachteten sie, weil sie nur lebten, um zu arbeiten. Ich glaubte jedoch, die Deutschen hätten sich geändert. Sie seien selbstbewusster geworden. Und das zu Recht. Was für eine Bilanz! 70 Jahre Frieden. Eine funktionierende Demokratie. Die einzige blühende Volkswirtschaft des ganzen Kontinents.

Und wir Franzosen, Griechen und die anderen: Wir haben uns nicht lange bitten lassen, um zurückzuschlagen. Der blutrünstige Boche ist in die europäische Vorstellungswelt zurückgekehrt. Die Sprayer sprühen Hakenkreuze auf Athener Hauswände. Die Intellektuellen von Saint Germain des Prés verurteilen die neuen monetären Machtansprüche, so hinterhältig und egoistisch. Die Südeuropäer machen sich über die engstirnige Philosophie der schwäbischen Hausfrau lustig.

Mir kommt es vor, als hätte ich das Europa verlassen, das mich seit meiner Kindheit begleitet hat

Bei derartigen Tiraden auf beiden Seiten kann man nur schwer ruhig Blut bewahren. Mir kommt es vor, als hätte ich das Europa verlassen, das mich seit meiner Kindheit begleitet hat. Dieses Europa wurde von Idealisten erbaut, die Frieden und Empathie zwischen den Völkern wollten. Hat sich dieser große verbindende Hauch erschöpft? Heute sieht es so aus, als sei nur ein bisschen Mief übrig geblieben. Und wohin gehören in diesem neuen Europa die Workaholic-Griechen, lasziven Deutschen, treuliebenden Franzosen, steuerzahlenden Italiener? Wohin gehören die Zwitterwesen, Entwurzelten, Multiethnischen, Zauderer, die nicht so genau Passenden, die Untypischen, all die – und es sind viele –, die den Arsch zwischen zwei Stühlen haben, wie man in meiner Sprache so treffend sagt. Wo finden sie ihren Platz in dem bornierten Europa, wie es sich gerade herausbildet?

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben