Politik : „Europa – beschränkt und bequem“

CDU-Chefin Merkel wirft dem Kontinent Untätigkeit vor und rügt die Friedensdemonstranten

Robert von Rimscha

Die Kritik an Gerhard Schröder ist das eine. Sie fehlt nicht, wenn die Oppositionsführerin über das Verhältnis zwischen den USA und Europa spricht. Doch Angela Merkel wollte am Mittwochabend mehr: Sie mahnte eine Änderung der Grundhaltung an, mit der Europa die Welt betrachtet.

„Wir Europäer tun fast nichts, beobachten nur mit mehr oder weniger Interesse und reagieren auf Fehlschläge dann mit Schadenfreude.“ So charakterisierte die CDU-Frontfrau in ihrem vom Aspen Institute organisierten Vortrag die Geisteshaltung Europas. Der „Oberfeind jeder Verständigung“ über den Atlantik hinweg sei die „Beschränktheit und Bequemlichkeit, sich immer nur selbst am größten zu finden, und gerade wir in Deutschland sind da anfällig“. Die Irak-Krise mache nur deutlich, woran es im Grundsätzlichen hapere. „Jeder merkt, dass Europa seine neue Rolle sucht.“ Eine realistische Sicht auf die Welt dürfe zwischen dem Terror Al Qaidas einerseits und dem Regime Saddams andererseits „keine geistige Mauer“ aufbauen; zwischen beiden Bedrohungen bestehe also ein Zusammenhang.

Dem Kanzler warf Merkel vor, einen Krieg wahrscheinlicher gemacht zu haben. Denn Schröders Wahlrede in Goslar habe die Bedrohungskulisse, die allein Saddam zu Konzessionen zwinge, ausgehöhlt. In einem Meinungsbeitrag Merkels, der am Donnerstag in der „Washington Post“ erschien, spricht sie Schröder gar das Recht ab, für Deutschland zu sprechen. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz warf Merkel daraufhin vor, das Ansehen Deutschlands im Ausland beschädigt zu haben. Sie falle nicht nur der Bundesregierung und Hunderttausenden von Friedens-Demonstranten in den Rücken, sondern verstoße auch gegen die Grundregel, die „eigene Regierung im Ausland nicht madig zu machen“. Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck nannte den Beitrag eine „beispiellose Peinlichkeit und Ausdruck einer liebesdienerischen Haltung“. Merkel reist kommende Woche in die USA.

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