EUROPA : EUROPA

Von Altbundeskanzler Helmut Kohl stammt der Satz, er verneige sich dreimal vor der Trikolore, bevor er sich vor Schwarz-Rot-Gold verbeuge. Für Kohl lag darin das Rezept für eine erfolgreiche Europapolitik. Kohls Huldigung der französischen Nationalflagge rührt daher, dass die Rollenverteilung zwischen Frankreich und Deutschland nach der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahr 1957 lange Zeit so aussah: Deutschland galt zwar als wirtschaftlicher Riese, aber als politischer Zwerg.

Wer Kohls scheinbar kuriosen Satz von der Trikolore verstehen will, muss wissen, dass die europäische Nachkriegsgeschichte auch die Geschichte von der Aussöhnung zwischen den beiden „Erbfeinden“ Deutschland und Frankreich ist. Nach dem verbrecherischen Irrsinn der Nationalsozialisten war es Frankreich, das den Deutschen die Hand reichte. Ob die Aussöhnung gelingen würde, war in den ersten Nachkriegsjahren keineswegs sicher. Den Durchbruch schafften schließlich Konrad Adenauer und Charles de Gaulle im Jahr 1962. Die beiden feierten damals in der Kathedrale von Reims gemeinsam eine Messe. Der gotische Bau, im Ersten Weltkrieg das Ziel deutscher Artillerieangriffe, gilt in Frankreich als Nationalsymbol. Umso eindrücklicher wirkte damals, vor einem halben Jahrhundert, das Bild des Kanzlers aus Bonn und des Staatschefs aus Paris in der französischen Krönungskirche.

Seither haben deutsche Regierungschefs und französische Präsidenten für das deutsch-französische Verhältnis und die Geschicke Europas stets eine entscheidende Rolle gespielt. An symbolischen Bildern, die den Stand der deutsch-französischen Aussöhnung dokumentierten, gab es in den ersten Nachkriegsjahrzehnten keinen Mangel: Der Handschlag Kohls und François Mitterrands über den Gräbern von  Verdun, das vertraute Gespräch Helmut Schmidts und Giscard d’Estaings bei zahlreichen Gipfeltreffen, die geradezu stürmische Umarmung Gerhard Schröders und Jacques Chiracs am 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie im Jahr 2004. Inzwischen sind Deutschland und Frankreich so eng miteinander verzahnt wie sonst keine anderen Mitgliedstaaten in der Europäischen Union – mit einer deutsch-französischen Brigade in Müllheim, dem deutsch-französischen Fernsehsender Arte in Straßburg, dem deutsch-französischen Geschichtsbuch, dem Verbund der Deutsch- Französischen Hochschule. Nicht zu vergessen das deutsch-französische Jugendwerk, an dessen Austauschprogrammen seit 1963 mehr als acht Millionen junge Deutsche und Franzosen teilgenommen haben.

Während Deutschland und Frankreich nach dem Krieg immer enger zusammenrückten, begannen sich aber die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Ländern allmählich zu verschieben. Es fing damit an, dass sich das wirtschaftliche Übergewicht Deutschlands im Nachbarland mehr und mehr auf die Tagespolitik auswirkte. So musste der Sozialist Mitterrand, der bei seiner Wahl zum Staatspräsidenten 1981 noch mit einem freigiebigen Ausgabenprogramm angetreten war, zwei Jahre später einen harten Sparkurs nach deutschem Muster durchziehen. Nach dem Fall der Mauer machte Frankreich dann obendrein die schmerzliche Erfahrung, dass auch sein geostrategischer Einfluss schwand: Die zehn mittel- und osteuropäischen Staaten, die seit 2004 der EU beigetreten sind, sehen nicht in Frankreich, sondern eher in Deutschland oder in Großbritannien ihren Mentor.

Das vorerst letzte Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen in Europa steht ganz im Zeichen der Euro-Krise und der beiden Protagonisten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy. Das aktuelle deutsch-französische Duo ist, anders als ihre Vorgänger, nicht mehr durch die Kriegserfahrung geprägt worden und geht die Zusammenarbeit entsprechend pragmatisch an. Nicolas Sarkozy blieb in der Schuldenkrise nicht viel anderes übrig, als seine Haushaltspolitik auf Gedeih und Verderb an Deutschlands Konsolidierungskurs zu koppeln. Dennoch glaubt Claire Demesmay, Frankreich-Expertin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), nicht daran, dass Frankreichs Bedeutung in der Europäischen Union dadurch grundlegend geschwächt ist. „Durch die Krise hat Frankreich wieder an Einfluss gewonnen“, sagt sie. Zwar sei es schon richtig, dass die gesamte EU durch die Schuldenkrise jetzt „deutsch“ geworden sei – das stimme aber nur angesichts des allgegenwärtigen Zwangs zum Sparen. In anderer Hinsicht habe sich aber auch ein Europa à la française etabliert. Schließlich sei es noch vor zwei bis drei Jahren undenkbar gewesen, dass die Europäische Zentralbank die Anleihen kriselnder Euro-Staaten aufkauft. Erst der französische Einfluss habe dies möglich gemacht, sagt sie.

Falls François Hollande die Präsidentschaftswahl gewinnen sollte, wird der Sozialist nach der Ansicht von Claire Demesmay alles daran setzen, wieder eine „Symmetrie“ im Verhältnis der beiden Staaten herzustellen. Dabei bieten sich für Hollande zwei Möglichkeiten an, sagt die Frankreich-Expertin: Entweder könne er einen Kurs verfolgen, der dazu führt, dass Frankreich seine Bestnote am Kreditmarkt wieder zurückerhält, welche die Rating-Agentur „Standard & Poor’s“ der Nation im Januar entzogen hat. Oder Paris sucht innerhalb der EU nicht nur den Schulterschluss mit Deutschland, sondern versucht, seine Forderung nach stärkeren Wachstumsimpulsen in der Euro-Zone auch mit den Krisenländern Spanien, Portugal und Griechenland an seiner Seite durchzusetzen. Das nächste Kapitel der deutsch-französischen Nachkriegsgeschichte verspricht spannend zu werden.

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