Politik : Europa – gegen den Kleinmut

DER TAG DES BEITRITTS

Von Hermann Rudolph

Ach Europa", seufzte einst HansMagnus Enzensberger, nachdem er den Kontinent kreuz und quer bereist hatte. Das war im Jahr 1987, am Vorabend der großen Wende. Nun stehen die Osteuropäer nicht mehr vor der Tür der EU, sondern treten, mit dem morgigen Tage, tatsächlich ein. Aber was empfängt sie? Offizieller Politiker- (und Publizisten-) Beifall. Bürgerskepsis, gar nicht mehr heimlich. Chancenbeschwörung. Risikofurcht. Statt einem Seid-willkommen-Millionen ein halblautes Auch-das-noch. Und im Hintergrund die bange Frage: Ist das Projekt der europäischen Gemeinschaft, mit dem die Völker im Westen sich von der Katastrophen-Vergangenheit des Kontinents befreiten, mit dem Beitritt der Länder im Osten und Südosten am Ziel? Oder ist er für diese Erfolgsgeschichte der Anfang vom Ende?

Keine Frage, für die schlichte Euphorie ist die Sache – bei aller Genugtuung, die sie verdient – zu kompliziert.

Keiner weiß ja, wie die Gemeinschaft, die schon mit dem Eigensinn ihrer bisherigen 15 Mitglieder oft nur schlecht und recht zu Rande kam, den Erweiterungsschub um gleich zehn Mitglieder verkraftet. Niemand kann auch absehen, wie sich die regionalen Unterschiede, das Wohlstandsgefälle und die zwischen Postkommunismus und neuem Souveränitätsstolz mäandernden politischen Probleme, die die neuen Mitglieder mitbringen, in der Praxis auswirken. Und schon ganz unsicher ist, wie sich die Konkurrenz der günstigen Standorte in den Beitrittsländern und die Wanderung billiger Arbeitskräfte in unserem Alltag niederschlagen.

Nur: Kann das denn wirklich Grund zum Zagen und – wenigstens in Gedanken – Zögern sein? In Wahrheit wäre das absurd, ein Anfall von Kleinmut. Die Westeuropäer, auch die Deutschen, haben so unendlich viel mehr Stärken und Möglichkeiten, Ressourcen und Reserven als die noch immer sozialismusgeschädigten Gesellschaften des Ostens, dass sie den bevorstehenden neuen Unübersichtlichkeiten ruhig ins Auge sehen könnten. Wohl ausgestattet mit Kapital, Know-how und internationalen Erfahrungen werden sie auf den neuen, größeren Märkten schon auf ihre Kosten kommen. Vorausgesetzt sie geben sich nicht der Klage hin, es hätte alles langsamer gehen sollen und komme jetzt jedenfalls zur Unzeit. Zu zeitig kommt die Erweiterung nämlich nicht, sondern eher zu spät. Schon jetzt besteht die größte Gefahr für die Erweiterung darin, dass die Europäer von der Europamüdigkeit eingeholt werden, bevor Europa richtig begonnen hat. Im Westen wie im Osten.

Auch deshalb muss man noch einmal sagen, was dieser 1. Mai 2004 ist, obwohl viele da, im Ringen mit ihrem Alltag, inzwischen schon weghören: Dieser Tag ist wirklich die Vollendung dessen, was Millionen in Europa über bald ein halbes Jahrhundert hinweg nicht mehr für möglich gehalten haben – die Einheit des geteilten Kontinents. Der Beitritt, obwohl bereits überlagert von den üblichen politischen Querelen, ist die Einlösung des Versprechens, das in der Revolution des Herbstes 1989, mit den erregenden Ereignissen in Warschau, Budapest, Berlin und Prag, eingeklagt wurde. Mit ihm endet eine ganze Epoche der europäischen Geschichte, die begann, als in den frühen Nachkriegsjahren die Staaten Westeuropas über die Schatten ihrer alten Gegnerschaften sprangen und auf Europa setzten, während die Länder Ostmitteleuropas unter die Herrschaft einer paralysierenden Ideologie gerieten.

Angesichts dessen muss man dann doch fragen, was uns immer wieder dazu bringt, zuerst auf die Gefahren und dann erst auf die Chancen zu blicken. Man darf sich auch über Politiker wundern, die nun – weil ihnen das Herz in die Hose rutscht – noch hastig zum populär-populistischen Beruhigungsmittel des Referendums greifen. Was würden die Vorkämpfer der europäischen Einigung dazu sagen, die Churchill, Adenauer und de Gasperi, die einst das Gesicht ihrer Völker zu Europa hindrehten, gegen erhebliche Widerstände und in weit bedrohteren Zeiten? Was die vielen Generationen, die ihre Lebenszeit in einem zerrissenen Europa verbringen mussten, unter der Drohung neuer Kriege und dem Druck der Ideologien? Sie konnten von dem Europa nur träumen, das wir nun erreichen. Wir, heutige und künftige Generationen, können in ihm leben und es gestalten.

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