Politik : "Europa in Bewegung": Auf der Flucht

Rainer Münz

Über Jahrhunderte war Europa ein Kontinent von Auswanderern. Seit der Entdeckung Amerikas gingen zwischen 50 und 60 Millionen Europäer nach Übersee. Zu einem Massenphänomen wurde die Auswanderung ab dem 19. Jahrhundert. Denn erst seitdem es Eisenbahnen und Dampfschiffe gab, konnten Menschen in größerer Zahl und zu halbwegs erschwinglichen Preisen befördert werden.

Zu den Auswanderern gehörten politische und religiöse Dissidenten, Abenteurer, vor allem aber Arme und Besitzlose, also Personen, die aus Sicht der Regierenden in Europa ohnedies "überflüssig" waren. In der Neuen Welt brachten es viele Migranten zu Wohlstand, etliche sogar zu beträchtlichem Vermögen. Diese ganz unterschiedliche historische Erfahrung erklärt die transatlantische Diskrepanz: Wir Europäer urteilen über Migration skeptisch bis ablehnend. In den USA und Kanada gelten Zuwanderer hingegen trotz aller Probleme als Bereicherung.

Auch innerhalb Europas gab es vor allem seit der industriellen Revolution beträchtliche Migrationsströme. Arbeitskräfte wanderten zu Hunderttausenden aus der agrarischen Peripherie in die aufstrebenden Zentren der Kohle-, Eisen- und Stahlproduktion Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens. Die aufblühenden Metropolen Kontinentaleuropas zogen ebenfalls viele Einwanderer an.

Daneben gab es Hunderttausende, die als Angehörige ethnischer oder religiöser Minderheiten verfolgt wurden und schließlich ins Ausland flohen: im 18. Jahrhundert zum Beispiel Protestanten aus Salzburg und den Habsburgischen Ländern, im 19. Jahrhundert vor allem osteuropäische Juden aus Russland, der Ukraine, dem heutigen Polen und dem Baltikum.

Das 20. Jahrhundert brachte Europa die größten Migrationsbewegungen der Neuzeit. Zum größeren Teil handelte es sich dabei um unfreiwillige Wanderungen, also um Flucht, Vertreibung oder staatlich betriebenen "Austausch" von Bevölkerungen. Wichtigste Auslöser waren die Oktoberrevolution von 1917, die staatlichen Neuordnungen Europas nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg, der türkisch-griechische Krieg von 1922 sowie Politik und Rassenwahn des nationalsozialistischen Deutschland, in jüngster Zeit schließlich die Kriege und ethnischen Säuberungen in Kroatien, Bosnien, Serbien/Kosovo und dem Kaukasus. Zwischen 1912/13 und 1999 waren schätzungsweise fast 45 Millionen Menschen von Flucht, Deportation und Vertreibung über Landesgrenzen in Europa betroffen. Zählt man die Opfer nationalsozialistischer Rekrutierung von Fremd- und Zwangsarbeitern sowie die Opfer Stalinscher Deportationen von 1940 bis 1945 hinzu, dann erhöht sich die Zahl sogar noch um weitere 20 Millionen.

Drei weitere Formen von Migration sind für das 20. Jahrhundert charakteristisch: die reguläre Arbeitsmigration, die Zu- bzw. Rückwanderung aus ehemaligen Kolonien in die Mutterländer und die privilegierte Aufnahme ethnischer Minderheiten. Unter letzteren stellen jene vier Millionen deutschstämmigen Personen, die seit 1950 als Aussiedler nach Deutschland kamen, die größte Gruppe dar.

Dies alles und noch viel mehr findet sich in dem eindrucksvollen Buch Europa in Bewegung des Osnabrücker Historikers Klaus Bade. Es behandelt die europäischen Migrationsbewegungen seit Beginn der industriellen Revolution. Das Werk zeugt von großer Sachkenntnis, überrascht mit vielen Detailschilderungen bis hin zu examplarischen Einzelschicksalen und bietet doch einen guten Überblick. Besonders wertvoll ist dabei der Versuch des Autors, die behandelten Migrationsbewegungen nicht bloß zu beschreiben, sondern nach Möglichkeit auch zu quantifizieren.

Das in der Reihe "Europa bauen" erschienene Buch wendet sich damit nicht allein an historisch Interessierte. Es ist für alle lesenswert, die sich mit Siedlungskolonisation und Arbeitskräftewanderung, Flucht und Vertreibung, Migration und Integration beschäftigen. Klaus Bade hat dazu ein kompetentes und gut lesbares Buch geschrieben, das schon jetzt als Standardwerk des frühen 21. Jahrhunderts zum Thema "Migration" bezeichnet werden darf.

Wir werden dieses Werk wohl noch oft zur Hand nehmen. Denn ob wir dies wollen oder nicht werden uns Fragen von Migration und Integration in diesem Jahrhundert in Westeuropa angesichts alternder und schrumpfender einheimischer Bevölkerungen auf absehbare Zeit beschäftigen.

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