Was Menasse über die Griechenland-Krise denkt

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Europa in der Krise : "Berlin ist nicht das Zentrum der EU"
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Ungewisse Aussichten. Die Spekulationen über einen Austritt Griechenlands aus dem Euro reißen nicht ab.
Ungewisse Aussichten. Die Spekulationen über einen Austritt Griechenlands aus dem Euro reißen nicht ab.Foto: rtr

Apropos Krise: Bleibt Griechenland Euro-Mitglied?

Ganz sicher! Die Frage ist, wie lange sich deutsche Medien, die gegen „die Griechen“ hetzen, noch als aufgeklärte Medien bezeichnen können. Alleine die Wortwahl „die Griechen“ ist Ausdruck der nationalistischen, ja rassistischen Geisteshaltung, gegen die die EU gegründet wurde.

Sie teilen als Österreicher also nicht die deutsche Sicht auf die Griechenland-Krise?

Es gibt keine „österreichische“ und keine „deutsche Sicht“, es gibt sehr viele verschiedene Sehweisen. Die nationale ist auf jeden Fall die dümmste.

Aus deutscher Sicht kommt es einem Horrorszenario gleich, falls Griechenland die seit 2010 gewährten Kredite nicht zurückzahlen sollte. Verstehen Sie das?

Was bitte ist „deutsche Sicht“? Die Sicht der Deutschen Bank? Oder die Sicht eines Arbeitslosen in Thüringen, der von bayrischem Steuergeld alimentiert wird? Im Jahr 1922 hatte Österreich eine Finanzkrise, die mit der heutigen in Griechenland vergleichbar ist. Die Bedingungen, unter denen damals vom Völkerbund Finanzhilfe gewährt wurde, hatten Auswirkungen, die uns heute bekannt sein sollten. Menschen wurden in solches Elend gestoßen, dass sie dann völlig verblödet „Heil!“ riefen, als der Mörder kam. Aber ich kann die deutsche Regierung beruhigen: Österreich hat den Kredit von 1922 in den 70er Jahren unter einem sozialdemokratischen Kanzler zurückbezahlt. Dazwischen gab es aber Rauch und Trümmer, Mord und Vernichtung. Wer heute glaubt, er muss es so machen, mit diesen Bedingungen, sollte sofort in Den Haag vor Gericht!

Ist Brüssel heute das, was Wien im Habsburgerreich war? Oder liegt das Zentrum der EU in Wahrheit in Berlin?

Das multiethnische und vielsprachige Habsburgerreich wurde von Nationalisten in die Luft gesprengt. Keine der Nationen, die daraufhin gebildet wurden, hat danach nur einen einzigen Tag in größerer Freiheit oder größerem Wohlstand verbracht. Sie erlebten Kriege und totalitäre Systeme. Erst mit ihrem jeweiligen Beitritt in die EU ging es ihnen wieder besser. Ich bin wirklich kein Nostalgiker der Habsburger-Monarchie, aber dieses historische Faktum sollte uns zu denken geben. Und Berlin – das ist sicher nicht das Zentrum der EU. Berlin ist die Kommandozentrale der Verteidigung nationaler Interessen. Jean Monnet, der Wegbereiter der heutigen EU, schrieb, dass „nationale Interessen nichts anderes sind als die kurzsichtigen ökonomischen Interessen nationaler Eliten, deren Befriedigung die eigene Bevölkerung und die Bevölkerungen anderer Nationen in der Buchhaltung dieser Ökonomie zu Abschreibposten, im konkreten Leben zu Opfern macht“. Ich fände es gut, wenn das einmal in einer deutschen Zeitung zu lesen wäre.

In Großbritannien könnte die EU-feindliche Ukip-Partei bei den Wahlen im Mai zum Königsmacher werden. Was halten Sie vom Szenario eines „Brexit“, also eines Austritts Großbritanniens aus der EU?

Ein Austritt Großbritanniens wäre ein Glücksfall. Das Vereinigte Königreich macht bei Schengen nicht mit, macht beim Euro nicht mit, fährt auf der falschen Straßenseite und hat bis heute nicht das Dezimalsystem verstanden. Aber im Rat blockiert Großbritannien unausgesetzt die europäische Politik. „Rule Britannia!“ ist mit der Idee der EU nicht vereinbar. Ein Austritt wäre also die Beseitigung eines Hindernisses der wünschenswerten europäischen Entwicklung. Allerdings müsste man dann sofort Schottland in die EU einladen. Schottland ist mehrheitlich pro-europäisch, die Nationalisten sitzen in London. Ein Austritt des Euro- und Schengen-Lands Griechenland, also eines wirklichen Mitglieds, aber hätte dramatische Konsequenzen.

Ihr persönliches Europa, etwa im Austausch mit Schriftsteller-Kollegen, ist das ein ganz anderes als das, was uns tagtäglichen in den Fernsehnachrichten vorgeführt wird?

Wenn man von Enzensberger absieht, der sich auf die alten Tage noch zum Nationaldichter, also zum Zitate-Lieferant für deutsche Stammtische, promovieren will, sind die Schriftstellerkollegen in der Regel aus einem einfachen Grund weitsichtiger: Da kein Dichter, der bei Sinnen ist, den Anspruch hat, Nationalliteratur zu schreiben, sieht er die Welt natürlich anders, als es die nationalen Medien tun.

Wenn Sie Europa in ein Bild fassen müssten, womit würden Sie es eher vergleichen: mit einer unglücklichen Familie, mit einer Champions-League-Runde mit Siegern und Besiegten oder noch etwas ganz anderes?

Es gibt Labore, in denen nach Methoden zur Optimierung des Individuums geforscht wird, gegen die Zellalterung, gegen Krebs und so weiter. Europa ist das Labor, in dem an der Verwirklichung einer kühnen sozialen Idee experimentiert und gearbeitet wird: Alle freien Menschen können Brüder und Schwestern sein. Unabhängig von Sprache, Kultur, Mentalität, Religion, Geschlecht oder Ethnie, ohne ihre jeweiligen Vorzüge zu verlieren. Mein Bild von Europa: ein Labor, das erforscht, wie das Versprechen der Aufklärung endlich eingelöst werden kann.

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