Europa nach dem Brexit : Rasender Stillstand

Option Slow oder Option Speed: Der Politik fehlt die Zeit, um noch richtig handeln zu können. Ein Kommentar.

Pascale Hugues
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Der Brexit. Irgendwie fühlt es sich an, als würde man sich nach einer langen Wanderung am Rande eines vom Wind aufgewühlten Sees wiederfinden. Und müsste sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden, ihn zu überqueren. Die erste: Einen Zeh nach dem anderen in das bedrohlich schimmernde Wasser eintauchen, dann den Knöchel, die Beine. Noch einen kleinen Moment warten, bis der Körper sich an die Temperatur gewöhnt, bevor man den Bauch – den sensibelsten Teil – ins Wasser sinken lässt; immer mit Blick auf den Horizont: Vielleicht nähert sich ja doch noch der Sturm und man riskiert das Ertrinken … Aber dann, schließlich, lässt man sich langsam ins dunkle Wasser gleiten und schwimmt vorsichtig, mit sorgfältigen, langsamen Zügen los, den Kopf immer über Wasser haltend, die Umgebung im Blick.
Die zweite Möglichkeit: Die Lunge mit Sauerstoff vollsaugen, bis die Brust anschwillt und den Körper, ohne weitere Gedanken zu verschwenden, mit Wucht ins Wasser werfen, wo man, mit dem Kopf unter Wasser, in einem ungezügelten Kraul losprescht.

„In der Ruhe liegt die Kraft“

Gleiten oder Reinwerfen? Verzögern oder Beschleunigen? Das „Nein“ der Briten zur EU hat eine alte Debatte wieder angefacht: Wie Politik machen, in Zeiten der Krise? Zeit nehmen und sich nicht der raumgreifenden Hysterie hingeben, so wie es Angela Merkel macht – den Einen-Zeh-nach-dem-anderen-Ansatz adaptierend? Oder die Entscheidung stehenden Fußes fällen, wie es das Trio Sigmar Gabriel/Martin Schulz/François Hollande wünscht, die sich an die Kopf-voraus-Taktik halten.
Beide Seiten haben überzeugende Argumente. Option Slow: Ruhe und Ausgewogenheit erlauben zu überlegen, wie man verhindert, dass eine chronische Krise die Partnerschaft zwischen Großbritannien und der Europäischen Union von innen verfaulen lässt. Denn die Briten bleiben ja nicht nur Nachbarn, sondern enger Verbündeter in weltpolitischen und ökonomischen Fragen. „In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt ein altes deutsches Sprichwort, das in den zehn Merkel-Jahren zum Leitsatz geworden ist.
Die andere Seite, Option Speed: Den Briten ohne Verzögerung die Tür vor der Nase zuzuschlagen, sorgt für klare Verhältnisse und verhindert einen furchterregenden Dominoeffekt – und, auch wenn es ein zweitrangiger Effekt ist, es lindert auch die europäische Frustration mit dem Ausgang des Votums ein wenig.
Merkel, die „ewige Krisenmanagerin ohne Vision“, wird für ihre abwartende Haltung und die Politik der kleinen Schritte immer wieder kritisiert. Zum Beispiel von François Hollande, der eines Tages, mitten in der Euro-Krise, spöttisch ausrief: „Wir handeln, Frau Merkel denkt nach.“ Auch nach dem Brexit will Hollande wieder beschleunigen, schnell handeln, sich von Großbritannien trennen, auch wenn das Risiko besteht, unreife Entscheidungen zu treffen.

Cocktail aus unhaltbarem Leistungsdruck und sterilem Aktionismus

Diese Woche habe ich ein Interview mit Michel Rocard gelesen. Der ehemalige sozialistische Premierminister, mittlerweile 85 Jahre alt, wurde gefragt, welches glaubwürdige politische Projekt unsere Gesellschaften durch die permanenten Umwälzungen unserer Zeit führen könnte. Ein weites Feld. Rocard antwortet nicht mit einer in Beton gegossenen politischen Doktrin. Seine Antwort ist in ihrer Einfachheit beunruhigend: „Um eine Gesellschaft zu führen, muss man sie verstehen. Man gibt uns heute weder die Mittel noch die Zeit, um sie zu verstehen. Politiker sind unter ständigem Zeitdruck. Weder an Abenden noch an Wochenenden hat man Ruhe, einen Moment, um zu lesen, wo doch das Lesen der Schlüssel zur Reflexion ist. So kann nichts entstehen. Man spürt eine Wahl kommen, die ganz ohne gesellschaftliche Projekte auskommt – weder auf der einen noch auf der anderen Seite.“
Rocard ordnet sich bei den Langsamen ein. Es wurde bereits viel Tinte verbraucht, um die verheerende Beschleunigung zu kritisieren, diesen giftigen Cocktail aus unhaltbarem Leistungsdruck und sterilem Aktionismus. Wenn man sich die Agenda der uns regierenden Politiker ansieht, ist Rocards Frage legitim: Diese Menschen leben, schlaflos und unter permanentem Druck, zwischen Krisengipfeln, Zeitverschiebung und Verhandlungsmarathons. Einige, wie mein Präsident, versuchen noch ein kleines erotisches Abenteuer dazwischenzuschieben.
Wo sollen sie sich denn die Zeit hernehmen, um einmal durchzuatmen und eine gut durchdachte Strategie auszuarbeiten, in diesem Wirbelwind von Fremdbestimmung, der in ihrem Leben tobt?

Aus dem Französischen übersetzt von Fabian Federl.

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