Politik : Europa oder Cevapcici

Wahlkampf in Serbien: Zwei Oppositionsparteien liegen vorn. Die Regierungsbildung wird schwierig

Thomas Roser[Sremska Mitrovica]

Dunkelbraun brutzeln Cevapcici-Röllchen im Bratenfett. Dampfschwaden steigen aus den Grillbuden in die kühle Nacht. Souvenirhändler bieten vor der Gemeindehalle von Sremska Mitrovica T-Shirts und Kalender mit den Konterfeis der flüchtigen Kriegsverbrecher Ratko Mladic und Radovan Karadzic feil. Im Saal heizt eine Folkloreband mit patriotischen Hymnen die Stimmung an. Erst als eine Dame im engen Kostüm und mit zu einem enormen Haarberg aufgesteckter Dauerwelle auf die Bühne stöckelt, verstummen Geigen und Ziehharmonika. „Brüder und Schwestern!“, begrüßt die als Conferencier des Wahlkampfabends angeheuerte Schauspielerin Lidija Vukicevic das begeisterte Publikum: „Es lebe Großserbien, es lebe die Radikale Partei!“

40 Kilometer weiter nördlich schwenken Wahlhelfer Europaflaggen am Freiheitsplatz von Novi Sad. Technorhythmen peitschen über die Köpfe von mehreren tausend Anhängern der Demokratischen Partei (DS). Als Zugpferd und Wahlkämpfer für seine Partei lässt Präsident Boris Tadic jede staatsmännische Gelassenheit fahren. Serbien stehe vor der Wahl zwischen „balkanischer Vergangenheit und europäischer Zukunft“, ruft der Staatschef. Er garantiere, dass seine Partei das Land in die EU führen werde: „Wir müssen die stoppen, die unseren Weg nach Europa gestoppt haben!“

Wahlkampf in Serbien. Mit den nationalistischen Radikalen (SRS) des im Gefängnis des UN-Kriegsverbrechertribunals einsitzenden Vojislav Seselj und der DS führen zwei Oppositionsparteien die Umfragen vor der Parlamentswahl am Sonntag an. Statt deutlicher Mehrheitsverhältnisse wird in dem gespaltenen Land eine mühsame Regierungsbildung erwartet. Das Zünglein an der Waage dürfte erneut die konservative DSS des amtierenden Premiers Vojislav Kostunica spielen. Der Mann, dessen Wahl zum Staatschef im Jahr 2000 einst den Volksaufstand zum Sturz des damaligen Präsidenten Slobodan Milosevic auslöste, gilt zwar als Demokrat, schlägt im Wahlkampf aber nationalistische Töne an.

Der Krieg der 90er Jahre kommt beim Stimmenstreit fast nie zur Sprache. Der Durchschnittsverdienst ist in den vergangenen fünf Jahren zwar von 50 auf 300 Euro im Monat geklettert. Aber obwohl Investoren in das Herzland des zerfallenen Jugoslawien zurückkehren, das Leben sich normalisiert hat, bleibt der Alltag mit knapp 30 Prozent Arbeitslosigkeit für viele ein mühsamer Überlebenskampf. Es gebe in Belgrad keine Mittelklasse, nur Reiche, Superreiche und den großen Rest, „der schauen muss, wie er in der Schattenwirtschaft über die Runden kommt“, seufzt der einstige Anwalt und heutige Taxifahrer Dragan.

Im Belgrader Sava-Zentrum lädt die Partei der Macht und Würdenträger zum Wahlkongress. „Der sicherste Weg ist der schnellste“, wirbt ein Plakat über den Rednerpult für die Wiederwahl des Amtsinhabers. Ein kurzer Höflichkeitsapplaus brandet auf, als Vojislav Kostunica zum Mikrofon schreitet. Emotionslos fordert der 62-Jährige den Erhalt von Serbiens Territorium: „Kosovo ist Serbien – und der erste Buchstabe des geistigen Alphabets unseres Volkes.“ Wie bei der bitteren Pille der Unabhängigkeit von Montenegro schweigt sich der Premier über die Schlappen seiner gut 1000 Amtstage aus. Kostunica habe Rückschläge in einer Art „kollektiven Schweigens versenkt“, ätzt das Magazin „Vreme“. Ohne ihn kann jedoch kaum eine Regierung gebildet werden. Das Blatt fürchtet, dass der „Techniker der Macht“ erneut ein Minderheitskabinett anstreben könnte: „Aber Serbien braucht einen Vollstrecker, der Tore schießt. Und keinen Alleinunterhalter, der endlos dribbelt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben