Politik : Europa vor der ersten Marsnacht

DER PLANET NEBENAN

Thomas de Padova

Es sind nur noch wenige Stunden, bis erstmals ein europäisches Raumfahrzeug einen unserer Nachbarplaneten erreichen wird. In der Nacht zum ersten Weihnachtstag schwenkt die Raumsonde „Mars-Express“ in eine Flugbahn um den Mars ein. Zur selben Zeit soll ihre kleine Tochtersonde auf dem Planeten landen. Viel Geld, viel Aufwand für ein entlegenes Ziel?

Die Forscher versprechen sich viel von der Begegnung mit dem Himmelskörper, weil er unserer Erde am ähnlichsten ist. Und schon lange bevor die ersten Bilder des Mars eintreffen, werden sie stolz vor die Fernsehkameras treten und ihre technische Leistung preisen: Wir Europäer können das auch! Auch wir beherrschen Robotik und Informationsverarbeitung, Mikrosysteme und Energietechnik so gut, dass wir ein Raumschiff 400 Millionen Kilometer weit durchs All steuern und ans Ziel bringen können!

Das Ziel ist gut gewählt. Der Mars ist bis heute ein mythischer Planet. Er hat nach neuesten Erkenntnissen eine ähnliche Jugend gehabt wie die Erde, auch wenn beide später getrennte Wege gegangen sind. Während das Leben auf der Erde nach langem Anlauf den ganzen Globus erobert hat, ist der Mars heute öde und kalt. Wir wissen weder, warum er seine wärmende Atmosphäre weitgehend verloren hat, noch ob ihn in seiner Frühzeit Flüsse und Meere umspülten. Die brennende Frage ist, ob nicht auch er einmal belebt war, ob nicht in den ersten Hunderten Millionen Jahren, als sich auf der Erde Bakterien ausbreiteten, etwas ähnliches auf dem Mars vor sich ging.

In den nächsten Wochen werden wir auf den Planeten hinabschauen können, als flögen wir mit einem Flugzeug darüber. Ein Radargerät an Bord der Raumsonde kann den Marsboden bis in fünf Kilometer Tiefe durchleuchten, um auch nach unterirdischen Wasserquellen zu suchen. Zudem wollen die Forscher die Auflösungsprozesse der heute nur noch dünnen Marsatmosphäre aufdecken.

Allerdings werden weder das europäische Landegerät noch die beiden im Januar am Mars eintreffenden amerikanischen Roboterfahrzeuge ein Beweisstück aus dem Marsgestein hervorholen, mit dem das Geheimnis der Entstehung des Lebens entschleiert werden könnte. Es geht bei diesen Erkundungen um neue Indizien, nicht um letzte Antworten. Die Wissenschaft kommt in kleinen Schritten voran. Vor allem, wenn sie von derart komplexen technischen Systemen abhängig ist wie die Planetenforschung.

Wie unwägbar eine Reise zum Mars ist, haben die europäischen Forscher schon zu spüren bekommen. Es hat während des Fluges ihrer Raumsonde bereits einige Pannen gegeben: Die Energieversorgung ist wegen eines vergessenen Kabels eingeschränkt. Außerdem vibriert das Raumschiff, was die Kameraaufnahmen beeinträchtigen könnte. Und vor allem bleibt es bis zuletzt fraglich, ob das riskante Landemanöver gelingen wird.

Einen Teilerfolg braucht die europäische Weltraumorganisation Esa aber, um wieder etwas aus dem Schatten der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa herauszutreten. In Europa wird die unbemannte Raumfahrt vor allem von Frankreich politisch adäquat unterstützt, Deutschland liegt inzwischen an zweiter Stelle. Ohne die französische Initiative wären viele der Kommunikations-, Wetter- und Umweltsatelliten, die seit dem Start der ersten europäischen Ariane-Rakete am Weihnachtsabend 1979 aufgestiegen sind, wohl am Boden geblieben.

Bei der Erforschung unseres Sonnensystems sind europäische Wissenschaftler bis heute meist lediglich Juniorpartner der Nasa. Nur weil die Nasa ihre Wunderkammern des Wissens immer wieder öffnet, können auch hiesige Forscher einen Blick auf Venus und Mars, Jupiter und Saturn werfen.

Diese vergleichende Planetenforschung hilft uns, die klimatische und geologische Entwicklung unseres eigenen Planeten besser zu verstehen. Wie wichtig sie ist, wird sich aber in den nächsten Jahren noch deutlicher zeigen. Dann nämlich, wenn Astronomen dank neuer Teleskope die ersten Bilder von Planeten außerhalb des Sonnensystems machen können. In Kürze wird die Suche nach einer zweiten Erde beginnen. Wer nicht einmal seine nächsten Nachbarn kennt, wird dabei nicht mitreden können.

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