Europäische Jugend : Zukunft ohne Euphorie

Junge Menschen betrachten die EU zunehmend nüchtern – und trotzdem glauben sie wieder an Werte wie Frieden und Sicherheit.

Albrecht Meier
Weltjugendtag
Zwischen Europa-Skepsis und Aha-Erlebnis. Junge Pilger in Köln beim Weltjugendtag 2005. -Foto: laif

BerlinDer Schock saß tief. Am 12. Juni lehnten die Iren in einem Referendum den Lissabon-Vertrag ab und versetzten damit dem Plan, die Europäische Union demokratischer und effizienter zu machen, einen herben Rückschlag. Besonders ernüchternd wirkte für viele Pro-Europäer die Tatsache, dass es gerade unter jungen Iren eine ausgeprägte Tendenz zum „Nein“ gab: In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen stimmten 65 Prozent gegen den Lissabon-Vertrag, während die Ablehnung im Schnitt lediglich bei 53,4 Prozent lag. Auch beim Referendum in Frankreich im Jahr 2005 hatte sich unter den jungen Leuten eine Mehrheit gegen die damals zur Abstimmung stehende EU-Verfassung gewandt. Kann man aus dem „Nein“ der jungen Iren und Franzosen folgern, dass sich unter der nachwachsenden Generation die Europa-Skepsis ausbreitet?

Der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen warnt davor, aus dem deutlichen „No“ der 18- bis 24-jährigen Iren zum Lissabon-Vertrag einen allgemeinen Ablehnungstrend herauszulesen. Schließlich habe sich, so argumentiert er, die überwiegende Mehrheit der jungen Iren an dem Referendum gar nicht beteiligt. Nach Leinens Auffassung hat man es eher mit einer Spaltung unter den Jugendlichen in der EU zu tun: „Auf der einen Seite gibt es sehr interessierte und engagierte Jugendliche, die herumgekommen sind. Und auf der anderen Seite gibt es diejenigen, für die die EU eher ein angstbesetztes Thema ist.“ Hinzu komme, dass inzwischen eine Generation herangewachsen sei, deren Vertreter, sofern sie sich mit Politik beschäftigen, Europa als Thema häufig gewissermaßen „übersprungen“ hätten: „Sie wenden sich gleich der globalen Politik zu.“ Dies könne dann beispielsweise zu einer Parteinahme für Afrika führen – und gegen die EU.

Jugendliche in Deutschland verbinden mit „Europa“ alles in allem aber weiterhin vor allem Positives – dies war jedenfalls das Ergebnis der letzten Shell-Jugendstudie von 2006. Damals sagten 60 Prozent der befragten Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren, Europa sei „in“. Vier Jahre zuvor stand Europa bei den Jugendlichen in Deutschland noch besser da – 62 Prozent der Befragten sprachen damals von einem „in“-Thema. Dass gerade junge Leute in Deutschland der EU aufgeschlossen gegenüberstehen, belegen auch Zahlen der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen. In den Politbarometer-Umfragen der letzten Jahre äußerten sich stets überdurchschnittlich viele Menschen im Alter bis 24 Jahre positiv zu Deutschlands EU-Mitgliedschaft.

Auch wenn Europa bei den Jungen in Deutschland ein relativ gutes Image besitzt, so hat sich doch auch hier an der Grundstimmung etwas verändert. Während man angesichts der Shell-Jugendstudie von 2002 noch von einer regelrechten „Europa-Euphorie“ sprechen konnte, kehrte laut der Erhebung von 2006 eher Nüchternheit ein. Junge Leute kritisierten damals vor allem Bürokratie und Geldverschwendung in Europa. Nach der Einschätzung des Politikwissenschaftlers Mathias Albert, Mitautor der Shell-Jugendstudie, wird bei vielen Jugendlichen eine „Verschlechterung der eigenen Berufschancen auch hineinprojiziert in die EU“. Inzwischen gebe es eine „große Skepsis angesichts einer übermächtig werdenden EU“. Gleichzeitig sei bei den Jugendlichen aber auch eine Rückbesinnung auf jene Werte festzustellen, die der europäischen Integration historisch zugrunde liegen – beispielsweise Frieden und Sicherheit.

Europa-Begeisterung, so scheint es, lässt sich bei den Jungen nicht mehr so leicht auslösen wie in früheren Zeiten. „Der Mauerfall, die anschließende Euphorie der europäischen Vereinigung, das ist jetzt nicht mehr akut“, sagt beispielsweise Tim Schrock. Er ist Vorstandsmitglied des Europäischen Jugendforums, das 96 europäischen Jugendverbänden und Jugendringen eine Plattform bietet. Bei sozialen Themen sei inzwischen eine Zurückhaltung in puncto EU spürbar, hat er festgestellt.

Dass der Lissabon-Vertrag bei jungen Leuten in Irland nicht auf Gegenliebe stieß, ist auch in den Augen von Sylvia-Yvonne Kaufmann, Europaabgeordnete der Linken, keineswegs ein Randphänomen. Sie sieht Parallelen zu jungen Menschen in Deutschland und deren Zukunftsängsten. In ihrer täglichen Arbeit, berichtet die Europaabgeordnete, begegne sie sehr oft Abiturklassen, die über die europäische Integration gut informiert seien. „Aber der große Teil der übrigen Jugendlichen, den betrifft das nicht.“ Diese jungen Leute würden sich fragen, was ihnen Europa über Frieden und offene Grenzen hinaus bringe. Die Antworten der Politik auf diese Fragen würden offensichtlich nicht ausreichen, um Begeisterung auszulösen, sagt Sylvia-Yvonne Kaufmann.

Manchmal kommt die Erkenntnis, dass die EU so verkehrt nicht ist, aber auch auf Umwegen – über das Ausland. So berichtet Tim Schrock vom Europäischen Jugendforum von einer Gruppe von Youngstern, die nach Dänemark gereist waren und dort feststellten, dass sie nicht mit dem gewohnten Euro, sondern mit Kronen bezahlen mussten. In solchen Momenten, berichtet Schrock, gibt es dann bei vielen jungen Menschen ein Aha-Erlebnis, etwa nach dem Motto: „’Oh, die EU ist ja doch ganz praktisch.’“

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