Politik : Europaparlament: Grüne Grabenkämpfe in Straßburg

Jutta Hartlieb

Ozan Ceyhun ging zuerst, jetzt folgte ihm Wolfgang Kreissl-Dörfler, und Ilka Schröder wird einer parteiinternen "Prüfung" unterzogen. Die deutsche Grünen-Gruppe im Europaparlament ist nach dem Wechsel von zwei Abgeordneten zur SPD auf fünf Mitglieder geschrumpft, und bald könnten es nur noch vier sein. Die Heilbronner Parlamentarierin und Sprecherin der Gruppe, Heide Rühle, beschreibt den Zustand der deutschen Delegation in schonungslosen Worten: "Desolat und chaotisch", lautet ihre Bestandsaufnahme. Die Gruppe sei zerstritten, jeder koche sein eigenes Süppchen, der Einfluss auf den Kurs der Grünen-Europafraktion - die jetzt noch 46 Mitglieder zählt - schwinde dahin.

Nachdem in der vergangenen Woche Ceyhun zur SPD übergetreten war, folgte ihm am Dienstag Kreissl-Dörfler. Der wegen ihrer ultralinken Positionen heftig umstrittenen Schröder wiederum droht ein Parteiausschluss, nachdem sich Grünen-Chefin Renate Künast öffentlich von ihr distanziert hat. "Es kann gut sein, dass von den sieben deutschen Grünen, die im Juni 1999 ins Europaparlament gewählt wurden, bald nur noch vier übrig sind", meint Rühle.

Die Berliner Grünen-Spitze ist alarmiert. Künast eilte bereits vergangene Woche zu einer Fraktionssitzung nach Brüssel, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Am Montag hörte sich der Parteirat in Berlin einen Lagebericht Rühles an. Was die frühere Grünen-Geschäftsführerin über die Grabenkämpfe in ihrer Gruppe berichtete, dürfte der Partei-Spitze wohl kaum gefallen haben. Eine zentrale Rolle spielt dabei die 22-jährige Ilka Schröder. Ein Streit zwischen der Berlinerin vom äußerst linken Flügel und dem "Realo" Ceyhun war es offenbar, was für Letzteren das Fass zum Überlaufen brachte. Dabei ging es um die Forderung Schröders nach Prämien für Schleuser - ein Ansinnen, das nicht nur den türkischstämmigen Ceyhun auf die Palme brachte. Die Parteispitze hoffte vergeblich, Kreissl-Dörfler doch noch zum Bleiben zu bewegen. Der 49-jährige bayerische Abgeordnete, der sich vor allem um Entwicklungspolitik kümmert, lag seit seiner Annäherung an die "Realos" mit der Partei-Linken im Clinch.

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