Europarlament : So bunt wie Europa

Wie binationale Abgeordnete in Straßburg wirken: Mehr als andere können sie Brücken bauen zwischen den europäischen Mentalitäten und politischen Kulturen.

Thomas Gack[Brüssel]
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M.Horacek

Im Europaparlament sind sie wichtiger für die Verständigung als mancher Dolmetscher: die Europaabgeordneten, die zwei Pässe und auch zwei unterschiedliche nationale Prägungen haben. Mehr als andere können sie Brücken bauen zwischen den europäischen Mentalitäten und politischen Kulturen.

„Es ist hier zweifellos ein Vorteil, wenn man in unterschiedlichen europäischen Nationen und Kulturen zu Hause ist“, meint Evelyne Gebhardt, die in der Nähe von Paris geboren wurde, aber seit vielen Jahren diesseits des Rheins im Hohenlohischen lebt. 1994 wurde die SPD-Politikerin, die beide Staatsangehörigkeiten besitzt, zum ersten Mal ins Europaparlament gewählt. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy holte die deutsch-französische Abgeordnete während seiner EU-Ratspräsidentschaft im vergangenen Jahr in ein Beratergremium des Elysée-Palasts. Doch bei der Europawahl am 7. Juni tritt Evelyne Gebhardt wieder in Deutschland an.

Daniel Cohn-Bendit dagegen kandidiert dieses Mal für die Grünen in Frankreich. Er versteht sein Mandat konsequent europäisch. Der Deutschfranzose, der 1968 in Paris Geschichte machte und zu dessen Weggenossen in der Frankfurter Spontiszene Joschka Fischer gehörte, wurde vor fünf Jahren für die Grünen in Deutschland ins Europaparlament gewählt. Im Europaparlament gehörte er als Fraktionsvorsitzender der Grünen zu den profiliertesten Europaabgeordneten dieser Legislaturperiode, der auf der politischen Szene Frankreichs genauso zu Hause war wie in der deutschen Politik.

Auf eine außergewöhnliche Biografie kann Cohn-Bendits Parteifreund Milan Horacek zurückblicken. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings musste der damals 22-jährige bärtige Tscheche bei Nacht und Nebel nach Deutschland fliehen. In der Bundesrepublik gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen, die er später im Bundestag vertrat. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Prag holte ihn der tschechische Präsident Vaclav Havel in sein Beratergremium. 2004 wurde er auf der Liste der deutschen Grünen ins Europaparlament gewählt. Wie kaum ein anderer setze er sich in den vergangenen fünf Jahren für die schwierige europäische Vereinigung von Ost und West ein. „Ich lebe unterwegs“, sagt Milan Horacek, der zwischen Straßburg, Brüssel und Prag pendelt, wo Frau und Tochter wohnen. Bei den Europawahlen kandidiert der Grenzgänger dieses Mal für die tschechischen Grünen – auf dem fünften Platz der Liste, ohne große Aussicht auf Erfolg.

Auch sein grüner Parteifreund Cem Özdemir wird nicht mehr ins Europäische Parlament zurückkehren. Er ist als Parteichef der Grünen nach Berlin zurückgekehrt. Der türkischstämmige Schwabe wird dem Europaparlament fehlen. Wie der SPD-Europaabgeordnete Vural Öger hat er seinen Migrationshintergrund genutzt, um in der Debatte über die umstrittene EU-Kandidatur der Türkei die Wogen zu glätten.

Eine der erfahrensten CDU-Abgeordneten ist die Deutschbelgierin Godelieve Quisthoudt-Rowohl aus Hildesheim. 1989 wurde sie zum ersten Mal ins EU-Parlament gewählt. Ihre Wiederwahl auf der niedersächsischen CDU-Liste gilt auch jetzt als sicher. Der finnische Rallye-Fahrer Ari Vatanen tritt wieder für Sarkozys UMP an, die im Europaparlament wie die CDU der christdemokratisch-konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) angehört. Nationale Minderheiten vertreten in dieser Fraktion die ungarischsprachige Slowakin Edit Bauer und die Roma Livia Jaroka. „Sie alle tragen zur Buntheit und Toleranz bei. Das ist Europa“, meint ein langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Straßburger EU-Parlaments.

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