Politik : „Europas Hymne ist mein Klingelton“

Italiens Premier über Glanz und Elend des Gipfels, verbohrte Briten und die Bitterkeit eines Europäers

Wie ist Ihre Bilanz des Gipfels?

In vielen Jahren habe ich nie mit so schmerzhafter Klarheit gesehen, dass es zwei Europas gibt: Eines, das der Mehrheit, das an Europa glaubt und weiterkommen will; das andere, das es zum Ziel der nationalen Politik erklärt, die Rolle der Union zu verkleinern. Es ist ein Glück, dass diese beiden Europas trotz allem zusammengeblieben sind. Aber dass es sie gibt, macht mich tief traurig.

Herr Ministerpräsident, wenn man die triumphierenden Äußerungen der europäischen Staats- und Regierungschefs hört, scheinen Sie der bei weitem am wenigsten Begeisterte zu sein. Wie kommt das? Sollten alle gewonnen haben, nur Italien nicht?

Im Gegenteil. Italien hat alle Ziele erreicht, die es sich gesetzt hatte. Und die zusätzlichen Nachtstunden haben es uns möglich gemacht, zugunsten Europas noch ein paar kleine, aber entscheidende Zugeständnisse durchzusetzen. Als Politiker kann ich also nicht anders als zufrieden sein. Als Europäer aber erlaube ich mir Bitterkeit angesichts des Schauspiels, das sich mir geboten hat.

Welches Schauspiel?

Das einiger Länder, die alle damit beschäftigt waren, Europa seinen wärmsten Zug zu nehmen: den des Herzens. Die Verbohrtheit Großbritanniens, das die Hymne nicht in den Vertrag geschrieben haben und keine europäische Flagge wollte. Es ist klar, dass das alles keine direkte juristische Bedeutung hat und dass ein Land nach dem andern sich beeilte zu erklären, dass die Flagge weiter benutzt wird und dass man die Ode an die Freude weiter spielt. Aber die Erbitterung, mit der einige Regierungen jeden emotionalen Aspekt Europas verneinen, verletzt mich. Ich habe die Ode an die Freude als Klingelton auf dem Handy.

Herr Ministerpräsident, Sie wollen uns nun nicht sagen, dass Sie gerade jetzt entdecken, dass es Euroskeptiker gibt. War das denn nicht immer so?

Nicht in dieser expliziten Weise. Nicht derart programmatisch. So etwas konnte geschehen und geschah auch, wenn es um definierte Einzelfragen ging. Auf diesem Gipfel aber schien aus jeder Stellungnahme die Verkündung einer Doktrin zu werden. Das ist alles sehr traurig.

Sie haben zum Abschluss der Arbeit auf verstärkter Zusammenarbeit bestanden. Haben Sie konkrete Vorschläge?

Ja. Dieser Vertrag gibt Europa die Instrumente, die bisher fehlten. Aber es gibt nicht mehr den gemeinsamen Willen zum Fortschritt. Wie soll man es in dieser Situation also schaffen voranzukommen? Ich glaube, wir brauchen jetzt eine Atempause, sagen wir zehn Monate, weil vor allem anderen der Vertrag abgeschlossen werden muss. Danach müssen wir aber anfangen, uns zu bewegen.

Kommen wir zu den konkreten Fragen. Welches Europa entsteht aus diesem Vertrag? Und sind Sie wirklich überzeugt, dass Sie alles erreicht haben, was Sie wollten?

Der neue Vertrag ist sicher ein Schritt zurück hinter die Verfassung. Und das wussten wir. Aber zweifellos ist er in jeder Hinsicht ein Schritt voran, wenn man ihn mit den bestehenden Verträgen vergleicht.

Mit Prodi sprach Andrea Bonanni. Copyright: La Repubblica. Übersetzung aus dem Italienischen: Andrea Dernbach

Den vollständigen Text des Interviews finden Sie unter www.tagesspiegel.de/politik/international.

Romano Prodi, 68,

Italiens Ministerpräsident, war von 1999 bis 2004 Präsident der EU-Kommission. Im Kampf um die Rettung der Verfassungssubstanz stand er an Angela Merkels Seite.

0 Kommentare

Neuester Kommentar