Politik : Eurotunnel: Flüchtlinge sind nicht gern gesehen

Sabine Heimgärtner

Für Tausende Flüchtlinge, vor allem Afghanen, Iraner, Kurden und Osteuropäer, droht der Traum von einem neuen Leben in Großbritannien zu platzen. Nach immer neuen Zwischenfällen mit Flüchtlingen auf dem Weg von der nordfranzösischen Stadt Calais nach England hat die französisch-britische Betreibergesellschaft des Eurotunnels jetzt gerichtliche Schritte gegen Frankreich eingeleitet. Per einstweiliger Verfügung will sie die Schließung des acht Kilometer von Calais entfernten Auffanglagers Sangatte herbeiführen. Von dem Flüchtlingszentrum aus versuchen täglich Hunderte unter Lebensgefahr, illegal über die Grenze zu kommen und die nahe Insel zu erreichen, wo sie sich bessere Arbeits- und Asylchancen als in den anderen EU-Ländern erhoffen.

Von Sangatte aus ist es nur ein Katzensprung zum französischen Terminal des Eurotunnels. Dort im Bahnhofsbereich und auf den Gleisen unter dem Ärmelkanal spielen sich seit Jahresbeginn haarsträubende Szenen ab: Menschen versuchen, auf fahrende Züge aufzuspringen, andere verstecken sich in Güterwagen oder Lastzügen, sie überklettern Stacheldrahtzäune und versuchen, die Polizei und ihre Hunde auszutricksen. Seit Jahresbeginn starben mindestens vier Menschen bei den Versuchen, durch den Tunnel nach Großbritannien zu gelangen. "Unvorstellbare Risiken nehmen sie auf sich", berichtet der Sprecher der Eurotunnel-Gesellschaft, Francois Borel, "viele mehrmals in einer Nacht." Im ersten Halbjahr 2001 wurden 18 500 blinde Passagiere gestellt.

"Nun ist Schluss", sagt Borel. Sangatte sei in den vergangenen Monaten zur "Basis für Menschenhändler und Mafia" geworden, "wir aber sind ein privates Unternehmen und nicht dafür zuständig, Einwanderungsprobleme zu lösen". Erbost sind die Tunnelbetreiber über die Androhung der britischen Regierung, für jeden angekommenen Flüchtling ein Strafgeld in Höhe von 3000 Euro zu verlangen.

Freiwillig wird Frankreich Sangatte nicht aufgeben. Denn sowohl die Pariser als auch Großbritanniens Regierung glauben, dass eine Schließung des Flüchtlingslagers das Problem nicht löst. "Wenn nicht in Sangatte, dann schlafen die Flüchtlinge auf den Straßen von Calais", sagt ein Sprecher des Pariser Innenministeriums. Und bereiten ihren nächsten Fluchtversuch vor.

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