Evangelische Kirche : Angst vor der Nische

Die Evangelische Kirche will Kontinuität – und weiß doch, dass Margot Käßmann und Wolfgang Huber nicht zu ersetzen sind.

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Baustelle Kirche. Die Protestanten müssen nach dem Rückzug Margot Käßmanns vorerst ohne charismatische Führungspersönlichkeiten...

Der Starnberger See glitzert in der Sonne, Vögel zwitschern. Doch der frühlingshafte Aufbruch, der im bayerischen Tutzing in der Luft liegt, passt so gar nicht zur Stimmung der 13 Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die hier in der Evangelischen Akademie beraten, wie es nach dem Rücktritt von Margot Käßmann weitergehen soll in der evangelischen Kirche. Zehntausend Mails hat die EKD in den vergangenen Tagen aus aller Welt bekommen, hämische Kommentare am Dienstagmorgen, als die Bild-Zeitung die Alkoholfahrt der Hannoverschen Bischöfin öffentlich gemacht hatte. Danach viele Briefe, die Trauer ausdrückten. Auf Youtube danken Menschen Käßmann für ihre Arbeit, auf Facebook läuft eine Petition zum Rücktritt vom Rücktritt.

„Der Schock sitzt tief“, sagt Nikolaus Schneider, Präses der rheinischen Landeskirche bei der Pressekonferenz am Samstagmittag in Tutzing. Schneider, so hat es der Rat beschlossen, wird bis zur regulären Tagung der Synode im November kommissarisch den Ratsvorsitz übernehmen. Die meisten Ratsmitglieder sind dafür, dass er auch darüber hinaus im Amt bleibt. „Es wäre nicht gut, wenn wir drei Ratsvorsitzende in einem Jahr hätten“, sagt Johannes Friedrich, Bischof der bayerischen Landeskirche. Schneider sagt, er sei bereit, auch länger an der Spitze der EKD zu stehen - „wenn mich die Synode will“. Auch Hermann Barth, der Präsident des Kirchenamtes der EKD, die kluge Eminenz im Hintergrund, will bis November im Amt bleiben und nicht im Juni mit 65 Jahren ausscheiden.

Die Botschaft ist klar: Man will die Kontinuität wahren. Schneider betont, dass er die Arbeit der EKD „zielstrebig fortsetzen“ wolle, sowohl was die Friedens- und die Sozialpolitik angeht als auch den innerkirchlichen Reformprozess, den er von Anfang an mitgestaltet hat. „Wir sind gut aufgestellt“, sagt Bischof Friedrich. Und doch kann noch so viel Zweckoptimismus nicht darüber hinwegtäuschen, dass die evangelische Kirche innerhalb von vier Monaten ihre beiden wichtigsten Gesichter verloren hat. Wolfgang Huber, Käßmanns Vorgänger als Vorsitzender des Rates, hatte die evangelische Kirche profiliert wie kaum ein anderer, er gab ihr eine politische Stimme, führte sie zusammen mit Käßmann in die Talkshows und an die Stammtische. Mit den beiden wagte sich die evangelische Kirche heraus aus der Nische, man wollte Vorreiter sein für die gesamte Gesellschaft, die demografische Entwicklung nicht aussitzen, sondern Reformen angehen und Neues ausprobieren. „Die Gefahr ist groß, dass wir in die Zeit vor Huber zurückfallen“, sagt eine Beobachterin aus dem EKD-Führungskreis.

Auch vor 2003 hat die Kirche viel Wichtiges und Richtiges gesagt, aber es kam immer ein bisschen graumäusig, streng und langweilig daher. Das Amt des Ratsvorsitzenden überstrahlte damals noch die Person dessen, der es ausfüllte. Huber und Käßmann haben das Amt untrennbar mit ihren Persönlichkeiten verbunden. Jetzt, da kein charismatischer Nachfolger in Sicht ist, zeigt sich, wie gefährlich dieser Kurs war. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der EKD, lobte in Tutzing zwar Schneiders „Klarheit und Tatkraft“. Ihm selbst ist aber durchaus klar: „Ich bin nicht so wie die beiden anderen.“

Die Ratsmitglieder wollen sich die Arbeit künftig aufteilen. Das muss nichts Schlechtes sein, vielleicht wird der Protestantismus auf diese Weise wieder vielfältiger in der Öffentlichkeit auftreten. Doch es wird schwer sein, Aufbruchstimmung zu erzeugen.

Die nächsten Jahre werden eine Zeit des Übergangs für die evangelische Kirche, man wird auf Bewährtes setzen. Das ist auch in der katholischen Kirche so; dort steht mit dem 71-jährigen Robert Zollitsch ebenfalls ein Mann des Übergangs an der Spitze der Bischofskonferenz. „Wachsen gegen den Trend“, hieß das Motto von Huber und Käßmann. „Aus dem Aufbruch gegen den Trend wird wohl erst mal wieder ein Schwimmen mit dem Strom werden“, sagt ein Beobachter.

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