Evangelische Kirche : EKD-Chef: Rücktritte irritieren die Menschen

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz räumt im Missbrauchsskandal von Oberharmersbach Fehler ein.

Hamburg/Freiburg - Die Rücktritte der Bischöfinnen Margot Käßmann und Maria Jepsen schaden nach Ansicht des EKD-Ratsvorsitzenden, Präses Nikolaus Schneider, der Kirche. Die Menschen seien irritiert, dass so etwas überhaupt in der Kirche vorkomme, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Sonnabend dem NDR. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Hamburger CDU-Bürgerschaftsfraktion und Fachsprecher Kirchen und Religionen, Wolfgang Beuß, betonte, er finde Jepsens Schritt „konsequent und richtig“. Missbrauchsopfer und deren Angehörige haben unterdessen erklärt, sie könnten keine unmittelbare Schuld von Frau Jepsen im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in Ahrensburg bei Hamburg feststellen. „Erst in den letzten Tagen haben wir erfahren, dass Frau Jepsen gar keine Weisungsbefugnis in das Kirchenamt hinein hat“, hieß es in einer am Sonnabend verbreiteten Presseerklärung der Betroffeneninitiative Missbrauch in Ahrensburg. Der strukturelle Aufbau der nordelbischen Kirche sei die wesentliche Ursache dafür, dass die schrecklichen Taten in Ahrensburg über so lange Zeit hätten geschehen können.

In den vergangenen Tagen war die Bischöfin im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pastor in Ahrensburg immer stärker in die Kritik geraten. Der Pastor soll vor allem in den 80er Jahren Jungen und Mädchen missbraucht haben. Die Bischöfin will von den Vorwürfen erst im Frühjahr 2010 erfahren haben; eine Zeugin will sie jedoch bereits 1999 informiert haben.

Der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, räumte unterdessen im Missbrauchsskandal von Oberharmersbach in Baden-Württemberg Fehler ein. Es sei falsch gewesen, nicht die Staatsanwaltschaft eingeschaltet zu haben. „Mit dem Blick von heute ist mir klar: Wir hätten konsequenter vorgehen und mit größerem Nachdruck nach weiteren Opfern suchen und suchen lassen müssen“, sagte Zollitsch der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Der Gedanke, von einer Einschaltung der Staatsanwaltschaft auch zum Schutz der Opfer abzusehen, war falsch.“

In Oberharmersbach hatte der Pfarrer Franz B. mehr als 20 Jahre lang Kinder und Jugendliche missbraucht. Zollitsch, der seinerzeit Personalreferent war, hatte im Jahr 1991 erstmals von Missbrauchsgerüchten erfahren. Das Ordinariat Freiburg versetzte Pfarrer B. daraufhin – auch mit Blick auf dessen angeschlagenen Gesundheitszustand – in den Ruhestand. Der Pfarrer nahm sich 1995 das Leben.

„Das unglaubliche Ausmaß“ des Missbrauchs sei ihnen zunächst nicht bekannt gewesen, sagte Zollitsch. Da es sich bei Pfarrer B. um einen gebrochenen, suizidgefährdeten Mann gehandelt habe, habe man ihn nicht in den Tod treiben wollen. „Und wir waren davon überzeugt, dass wir mit einer Anzeige große Unruhe in die Gemeinde Oberharmersbach tragen würden – bis hin zur Entzweiung von Familien. Wir gingen damals von – nach heutiger Sicht zweifelsohne falschen – Überlegungen aus“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz. dpa/ddp

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